Vietnam: Besuch bei Onkel Ho
- 17. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Okt. 2025

Souvenirshop in Hanoi
Wer zu ihm will, muss früh auf- und lange anstehen. Muss sich auf jedem Meter gängeln lassen von uniformierten Wachen. Muss eine strenge Kleiderordnung und rigide Verhaltensregeln beachten: kein Kaugummi, keinen Hut auf dem Kopf, keine Hände in den Taschen.
Auf dem Weg zu ihm sieht man Springbrunnen und wird mit Musik beschallt. Sieht viele rote Fahnen, viel Hammer und viel Sichel. Auf einem ausgerollten roten Plastikflor wandelt man hinein in einen Säulenbau aus Mamor und Beton. Hier ruht er in einem gläsernen Sarg, einbalsamiert und blass, gut gekühlt und schlecht beleuchtet: Ho Chi Minh, der Onkel der Nation.
„Bac Ho“, Onkel Ho, nennt ihn heute noch jeder in Vietnam, und zumindest bei den Alten ist der dünne Ziegenbart noch schwer in Mode. An seinem Mausoleum in Hanoi, der Hauptstadt am Roten Fluss, führt kaum ein Weg vorbei. Dass er schon vor mehr als einem halben Jahrhundert verstorben und verblichen ist, kann dem Kult um diesen Mann nichts anhaben. Schließlich hat er Vietnam in die Unabhängigkeit geführt und nebenher auch noch die westlichen Gesellschaften verändert. „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ schallte es anno 68 bei den Studentenprotesten unüberhörbar durch die Straßen. Onkel Ho war die leibhaftige Verkörperung des Kampfes gegen den Kolonialismus und später dann gegen den US-Imperialismus.
Dass bei diesem Heroen alles in Schwarz-Weiß gezeichnet wird, hat dem Mythos sicher nicht geschadet. Manches konnte so im Dunkeln bleiben, anderes umso heller hervorgehoben werden: Ho Chi Minh, der Revolutionär, der Asket, der Sieger aller Klassen.
Tatsächlich bietet dieses Leben reichlich Stoff für Heldensagen. Als Nguyen Sinh Cung wurde er 1890 zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft geboren. Zur Schule ging er in Hue, wo damals noch ein Marionetten-Kaiser residierte. Aus der Schule wurde er geworfen wegen aufrührerischen Verhaltens. Ho Chi Minh, das war nur einer von mehr als 50 Decknamen, die er danach im Untergrund verwendete.
Mit 21 Jahren heuerte er auf einem französischen Dampfer an, um das Land des Feindes kennenzulernen. In Paris hat er gelebt, in London als Küchenhilfe im Carlton Hotel gearbeitet, und auch in New York soll er gewesen sein in seinen Wanderjahren. Vom Kampf gegen die Kolonialherren war es nur noch ein kurzer Weg zum Marxismus-Leninismus, den er in Moskau studierte. In Hongkong zählte er 1930 zu den Gründern der Kommunistischen Partei Indochinas. Als er nach 30 Jahren im Exil nach Vietnam zurückkehrte, rief er 1945 in Hanoi vor 500.000 Menschen die Unabhängigkeit des Landes aus.
Als Anführer der Viet Minh musste er in den Jahren bis 1954 allerdings noch die Franzosen endgültig aus Vietnam vertreiben. Nach dem Sieg war das Land geteilt in einen vom Präsidenten Ho beherrschten Norden und einen Süden, in dem sich bald schon die Amerikaner einnisteten, um im Kalten Krieg den Vormarsch der Kommunisten zu bremsen. Selbst im Schnelldurchgang sind die anschließenden Gräuel kaum zu ertragen: Die Supermacht ließ Bomben und Gift aufs Land herunter regnen: 13 Millionen Tonnen Sprengstoff und dazu noch Napalm, 80 Millionen Liter des Entlaubungsmittels Agent Orange.
Vietnamkrieg wird das im Westen genannt, in Vietnam ist es der „Amerikanische Krieg“. David gegen Goliath. Ho Chi Minh steuerte das Land in dieser Zeit von einem kleinen, hölzernen Stelzenhaus aus, das heute zum Museumskomplex rund um das Mausoleum gehört. Den Sieg 1975 hat er nicht mehr erlebt. Mit 79 Jahren starb er 1969 in Hanoi an Herzversagen.
Im Testament hatte er eine Feuerbestattung verfügt. Seine Asche sollte auf drei unmarkierten Hügeln in Nord-, Zentral- und Südvietnam begraben werden. Doch die Nachfolger an der Macht setzten sich hinweg über diesen letzten Willen. Bei so viel Leid brauchte das Land eine Lichtgestalt. Einen, zu dem alle aufschauen können oder müssen. Nach dem Vorbild der anderen kommunistischen Kaiser - so wie Lenin in Moskau, so wie Mao in Peking - bekam also auch Ho Chi Minh ein Mausoleum und einen Schneewittchensarg in Hanoi.
Von hier aus wacht er über die Sozialistische Republik Vietnam, wenn‘s sein soll bis in alle Ewigkeit. Dass nach dem Sieg über die Amerikaner Zigtausende getötet wurden oder in Umerziehungslagern tief im Dschungel verschwanden, das hat er nicht mehr mitgekriegt. Auch nicht, dass 840.000 Menschen vor Verfolgung und Hungersnot ins Ausland flüchteten. Nicht einmal, dass sie Saigon, die alte Hauptstadt des Südens, zu seinen Ehren in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannten. In jeder Stadt, in jedem Dorf wird seiner gedacht mit Büsten oder Bildern. Doch er wirkt darauf ein wenig wie der alte Onkel, der die neue Zeit nicht mehr versteht in einem Land mit 100 Millionen Menschen, mindestens so vielen Mopeds und einer enormen wirtschaftlichen Dynamik.
Würde er sich wohl im Grabe umdrehen? Es würde ihm nichts nützen. Es sind ja genug Wächter da, die ihn gleich wieder wenden würden. Schließlich braucht ihn das Land und vor allem die Partei, die sich um alles kümmert in Vietnam: um Bildung, um Wachstum und um eine einheitliche Meinung.
Sie sorgt dafür, dass Onkel Ho in Ehren gehalten wird und sich vor seinem Mausoleum lange Schlangen bilden. Dass die Tourguides auch den Touristen eintrichtern, wer hier gewirkt hat und nun aufgebahrt wird. „Der Präsident hat so bescheiden gelebt“, sagen sie. „Er aß nur eine Schale Reis am Tag, das war genug.“ Danach geht es in den Souvenirshop nebenan. Onkel-Ho-Tand gibt es hier zu kaufen, rote Fahnen und dazu noch Pepsi Cola.
Hanoi, Oktober 2025



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