Indonesien: Weihnachten im Tempel
- nanetulya
- 25. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Der Heilige Rudolph von Yogyakarta
Dieses Jahr sind wir zu Weihnachten im Tempel gewesen. Yogyakarta, das alle nur Jogja nennen, ist ja berühmt für seine alten Sakralbauten, für den buddhistischen Borobudur und den hinduistischen Prambanan. Wuchtig und filigran zugleich sind diese Tempel, beeindruckend und zweifelsfrei von erhabener Heiligkeit. Im Borobudur wurden wir von einem Rentier mit rotem Glöckchen um den Hals empfangen. Im Prambanan dudelte Jingle Bells in Endlosschleife aus den Lautsprechern.
Es ist Weihnachten, und das überall und schon ziemlich lange. Als wir auf unserer Reise Ende Oktober in Manila landeten, wunderten wir uns noch über den Lichterschmuck auf den Straßen und die turmhohe Kunsttanne im Hotel. Dabei waren wir schon spät dran. „Auf den Philippinen beginnt die Weihnachtssaison immer am 1. September“, erklärte uns ein Taxifahrer. Wenn die Vorfreude auf Ostern genauso lange währt, dürfte das zu interessanten Überschneidungen und einem Wettstreit zwischen Santa Claus und dem Osterhasen führen.
Immerhin sind die Philippinen - als Ausnahme in Südostasien - ein zutiefst katholisches Land. Der monatelange Weihnachtszauber entfaltet sich hier also rund um Kirchen und Plätze, die nach Heiligen oder Päpsten benannt sind. Das christliche Wiegenfest haben die Filipinos in ihrer Region trotzdem keinesfalls exklusiv. Andernorts wird es vielleicht mit weniger Inbrunst, aber fast gleicher Intensität zelebriert.
Im buddhistischen Thailand sind die Märkte voll mit blinkenden Plastikbäumen und rot-weißen Mützen. Im muslimischen Malaysia sind selbstverständlich alle Hotels üppig dekoriert, die Restaurants überbieten sich mindestens den ganzen Dezember über mit opulenten Weihnachtsmenüs, bei denen es von der Suppe bis zum Christmas Cake an nichts fehlt. Außer natürlich, dem Propheten sei Dank, am Alkohol.
In Singapur, wo alles zu haben ist, darf auch bei Tropentemperaturen mit Glühwein gefeiert werden. Und auf der Orchard Road, der Einkaufsmeile, beschallt man die Kundschaft zwischen Prada und Chanel sogar aus den Boulevardbäumen heraus mit Weihnachtsliedern: Let it snow, let ist snow, let ist snow…
Surreal mutet das an, dabei ist es nur konsequent. Weihnachten in Südostasien ist entkoppelt von Ritus und Bedeutung. Es ist kein Glaubens-, sondern ein Konsumbekenntnis - und es funktioniert in diesem Sinne ganz ausgezeichnet. Für Muslime und Buddhisten, für Hindus und Konfuzianer ist dies eine herrliche Gelegenheit zum Feiern, Spaß haben und Geschenke verteilen. Keine kulturelle Aneignung, sondern ein pragmatischer Austausch wie bei Halloween oder dem Valentinstag.
Von der Heiligen Nacht in Bethlehem ist das womöglich nicht einmal weiter entfernt als die deutsche Familienweihnacht. Denn auch am Originalschauplatz rieselten rund um den Stall keine Schneeflocken auf die Palmen, und in der Krippe war es weder gemütlich noch duftete es nach Bienenwachs. Exklusivität gibt es an Weihnachten allein im Innern. Alles Äußere ist Ausprägungs- und Ansichtssache.
Wirklich exklusiv ist auf dem Gebiet der Religionen abgesehen vom Anspruch sowieso kaum etwas. Man sieht das im fast 1300 Jahre alten Borobudur in Jogja, dem größten buddhistisches Bauwerk der Welt. Dort ist die Geschichte des Religionsgründers kunstvoll in den Stein gemeißelt worden - wie ein Comic aus der Frühzeit, wie ein buddhistisches Evangelium, das mit dem Mysterium einer Schwangerschaft beginnt. Die Königin Maya, so erläutert es ein freundlicher Fremdenführer, war 20 lange Jahre ohne Kind geblieben. Da hatte sie eines Nachts einen Traum, in dem ihr durch einen Elefanten eine Schwangerschaft verheißen wurde. So wurde Prinz Siddhartha Gautama geboren, der spätere Buddha, Religionsgründer und Retter, der den Weg zur Erleuchtung wies.
Wem das zu Weihnachten vertraut vorkommt, der kann auch wenige Kilometer weiter im Prambanan-Tempel ein paar Anknüpfungspunkte finden. Drei hoch aufragende Tempeltürme sind hier der hinduistischen Dreifaltigkeit gewidmet: den Göttern Brahma, Vishnu und Shiva. Brahma ist der Schöpfer, Vishnu der Erhalter und Shiva der Zerstörer, ohne den es keine ständige Erneuerung und auch keinen Weg ins Paradies geben könnte.
In einer Kirche waren wir zum Abschluss auch noch. Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, ist reich an religiösen Stätten aller Art. Die Kirche liegt hoch auf einem Hügel und trägt den Namen „Chicken Church“, weil sie vom Kopf bis zum Korpus wie ein Huhn aussieht. Der Erbauer, ein Christ aus Java, war mit dieser eigenwilligen Form einem Traum gefolgt. Im Gotteshaus gibt es dem Gründer- oder Schöpferwillen zufolge nun nicht nur eine Kirche, sondern Gebetsräume für alle Religionen. Es weiß ja sowieso keiner, was zuerst da war: Henne oder Ei.
Klar ist nur, dass auch von Südostasien zu Christmas oder Xmas eine Botschaft ausgeht, eine Botschaft von Kommerz und Toleranz. Selamat Natal, so sagt man auf Indonesisch, frohe Weihnachten!
Yogyakarta, Dezember 2025



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