Australien: Das große Nichts
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Der magische Monolith im Zentrum des Kontinents
„Die Alten sangen ihren Weg durch die ganze Welt.
Sie sangen die Flüsse und Bergketten, die Salzpfannen
und Sanddünen. Sie jagten, aßen, liebten, tanzten, töteten:
wo immer ihr Pfad hinführte, hinterließen sie eine musikalische Spur.“
Aus Bruce Chatwin: Traumpfade. The Songlines. 1987
Rot ist das Herz, und rot ist die Erde. Rot ist alles im Zentrum Australiens. Durchs rostrote Land führt ein schmales graues Band, eine zweispurige Straße, die keinen Standstreifen hat, sondern einen Sandstreifen rechts und links, der bis zum Horizont hin reicht.
Endloses Land unter einem endlosen Himmel, der als blau grundierte Leinwand dient für Wolkenmalereien: für Wolkenbären und Wolkenechsen, für riesige Wolkenschiffe und unzählige weitere Fantasiegebilde. Zwischen Himmel und Erde ist genügend Platz für die tollsten Geschichten, und nicht wenige dieser Geschichten ranken sich um diesen gewaltigen roten Felsen, der in der Mitte des Kontinents 348 Meter hoch aus der ewigen Ebene ragt: der Uluru.
In Alice Springs, mit 36.000 Einwohnern die einzige Stadt zwischen Darwin an der Nord- und Adelaide an der Südküste des Kontinents, sagen sie gern, dass der Uluru gleich ums Eck liegt. Zwei Ecken sind es genau gesagt, zwei Rechtskurven auf einer ansonsten schnurgeraden Strecke von 500 Kilometern. Auf dem Weg gibt es viel Gras und ein paar Büsche. Als Sehenswürdigkeit darf schon der weiße Stamm eines Eukalyptusbaums gelten oder ein umgestürztes Autowrack, das im Gestrüpp neben der Fahrbahn vor sich hin rostet. Nicht die Landschaft ändert sich auf der stundenlangen Fahrt, sondern höchstens mal das Licht. Menschenleer ist es hier, doch keinesfalls leer und leblos. Es gibt Vögel, deren Namen man nicht kennt. Reptilien, die man noch nie gesehen hat. Und Käfer, Spinnen oder Schlangen, die man nie hat sehen wollen.
Wie vom Himmel gefallen wirkt in der vorgetäuschten Ödnis dieser geheimnisvolle Monolith. Wie ein Felsenthron steht er inmitten eines unendlichen Reichs. In den frühen 1870er Jahren war er von den ersten weißen Forschern entdeckt und vermessen worden - und vermessen war dieses Unterfangen in der Tat. Sie gaben ihm den Namen Ayers Rock, nach dem damaligen Premierminister von South Australia. Für die Aboriginals aber, die mindestens 40.000 Jahre vorher bereits hier heimisch waren, ist dies schon immer der Uluru gewesen.
Die Ananga sind die Hüter dieser Stätte, die Unesco-Welterbe ist und Touristenmagnet - und seit Jahrtausenden ihr Heiligtum. Ihre Traditionen hatte der Kommerz überrollt, doch seit ein paar Jahren werden ihre Riten und Regeln wieder geachteten. Seit 2002 trägt der Fels offiziell wieder den ursprünglichen Namen. Auch das vormals beliebte Hinaufklettern ist heute tabu. Ohnehin lässt sich die Magie gewiss viel besser erfassen bei einer mehrstündigen Rundwanderung im Morgenlicht.
Geologisch ist der Uluru ein 550 Millionen Jahre altes Sandstein-Gebilde, dessen Rot dem oxidierten Eisen im Gestein geschuldet ist. Mythologisch manifestiert sich hier für die Aboriginals ein Teil jener Schöpfungsgeschichte, die als „Traumzeit“ bezeichnet wird. Mit Träumen im Schlaf hat das nichts zu tun. Es geht vielmehr um jene Zeit, in der die Ahnen die Welt erschaffen haben - und erschaffen heißt: Sie haben die Welt ins Leben gesungen. Sie haben die Wirklichkeit aus Tönen und aus Worten geformt.
Dies ist der Kern des Aboriginal-Glaubens, der ohne Götter auskommt und auf der Einheit der Ahnen mit der Natur beruht. Alles Wissen darüber wird mündlich überliefert, in den Liedern, in den sogenannten Songlines. Das Leben wird darin als stete Wanderung, als Reise auf den „Traumpfaden“ besungen. Jeder Weg wird dort gewiesen, mit Hinweisen, wo es Essen gibt oder Wasser und wo Gefahren lauern. Die gesungene Geschichte dient als Karte und Kompass.
Zugleich haben die Ahnen in den Lieder hinterlassen, was auf diesen Wegen an Geheimnisvollem geschah - und die Natur liefert die Beweise dazu. Denn überall und auch am Uluru spiegeln sich die Mythen der Traumzeit in der Landschaft. Die Felsen lassen sich wie Fabeln lesen. Jede Form folgt einer Funktion. So ist eine spiralförmige Höhle in der Wand des Uluru zum Beispiel ein klarer Beleg dafür, dass sich hierher ein Ahne zurückgezogen hat, der zum Schlangenwesen mutiert war. Löcher im Fels verweisen auf Speerspitzen, die dort bei einem Kampf herniedergegangen waren.
In den Riten der Aboriginals, in den Liedern und Tänzen, werden die Mythen stets gegenwärtig gehalten. Doch als die weißen Siedler vor rund 200 Jahren ins Land kamen, kollidierte die Traumzeit mit realen Albträumen. Die Indigenen wurden niedergemetzelt oder in Reservate gezwängt. Sie wurden als Wilde verhöhnt und als Trunkenbolde gescholten. Die rechtliche Gleichstellung im australischen Staat bekamen die Aboriginals erst mit einem Referendum anno 1967. Mit einer Million Menschen stellen sie heute knapp vier Prozent der australischen Bevölkerung. Doch viele leben an den Rändern der Gesellschaft, zerrissen vom Spagat zwischen Traumzeit und Moderne.
Ihre Traumpfade aber durchziehen immer noch das Land. Es ist ein viel dichteres Netz als das der Straßen oder Schienen. Es reicht von Nord nach Süd, von West nach Ost. Im Schnittpunkt liegt das rote Herz, liegt der Uluru, in einem leeren Land voller Mythen.
Alice Springs, Februar 2026



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