Polynesien: Der Stolz aufs Tatau
- 3. Mai
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Aktualisiert: vor 7 Tagen

Tuaiva Teina und seine Frau Morgiane Fraix in der Lagune von Bora Bora.
Was er trägt, trägt er mit Würde und Bedacht. An Textil ist das nicht viel, auf dem Boot reicht eine Badehose, und in seinem Fall ist das ein traditioneller Lendenschutz in leuchtendem Rot. Um den Hals liegt mit gebotener Schwere die Kette aus geschnitzten Walknochen. Alles andere trägt er direkt auf der Haut, als kunstvoll geschwungenes Tattoo auf den Armen, auf der Schulter, auf der Brust. Ein Bild von einem Mann ist er, von einem Südsee-Mann. Doch wer nun denkt, dass er mit diesem Auftritt nur ein Klischee bedient für die geschätzten Touristen aus aller Welt, der kennt Tuaiva Teina nicht und nicht den Stolz der Polynesier.
Auf Bora Bora navigieren Tuaiva Teina und seine Frau Morgiane Fraix die Gäste auf ihrem Jetboot „Crazy Seahorse“ durch den irdischen Teil des Paradieses. Die Lagune strahlt in den schönsten Cocktail-Farben von Azur über Türkis bis Blue Curaçao. Man hält an, um mit Haien zu schwimmen und mit riesigen Rochen. Man schnorchelt durch einen blühenden Garten aus Korallen. Und man lernt, dass es auch in der Südsee nicht nur um den süßen Zauber geht, sondern auch um einen Kampf um Kultur und Identität - und dass dabei das Tattoo eine tragende Rolle spielt.
„Du wirst hier kaum jemanden finden ohne eine Tätowierung“, sagt Tuaiva Teina, „aber Du wirst keinen Polynesier sehen, der sich ein Herz auf die Haut hat stechen lassen.“ Hier sieht man nur geschwungene Muster und geometrische Linien, großflächig, wellenförmig, voller Symbolik. Das Tattoo, so erklärt er, ist in Polynesien weit mehr als bloßer Körperschmuck. Es ist wie eine Sprache, in der über das eigene Leben und das der Ahnen erzählt wird. Ein Tattoo gibt Auskunft über Herkunft und Persönlichkeit, es hat soziale und spirituelle Bedeutung, es steht mal für Schutz, mal für Kraft, mal für Fruchtbarkeit. „Wir haben kein eigenes Alphabet in Polynesien“, sagt er. „Unsere Geschichten wurden immer mündlich überliefert - oder auf der Haut.“
Zeichen auf der Haut gibt es in vielen Kulturen, man fand sie bei oberägyptischen Mumien oder auch bei Ötzi, dem für mehr als 5000 Jahre eingefrorenen Mann aus dem Eis. Als Kunstform aber stammt das Tattoo zweifelsfrei aus Polynesien, wo sich die Spuren mehr als 2000 Jahre zurückverfolgen lassen. Als „Tatau“ ist es hier bekannt, was übersetzt so viel bedeutet wie „richtig schlagen“. Denn die Ornamente wurden ursprünglich nicht geritzt oder mit Nadeln gestochen, sondern in die Haut gehämmert: mit einer Art Kamm aus Haifischzähnen, der hineingetunkt wurde in eine Mischung aus Ruß, Wasser oder Kokosöl. Der Rest war kräftiges Klopfen und heftiger Schmerz.
Nach Europa gebracht wurde die Tatau-Kunst vom britischen Captain James Cook. Zwar hat er das Wort auf seiner frühen Reise in die Südsee nicht richtig verstanden und lautmalerisch als Tattoo verbrämt. Doch durch ihn wurde das Tätowieren zuerst zur Mode unter Matrosen, und ohne ihn würde heute wohl kaum in den Hinterhöfen von Kreuzberg oder den Studios auf Sylt das polynesische „Tribal“ gestochen.
Am Ursprungsort dieser Kunst aber sorgten die Europäer bald schon dafür, dass das Tatau verfemt und fast vergessen wurde. Den christlichen Missionaren erschienen die Bilder auf der nackten Haut schlicht als sündhaft. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie auf Tahiti, Bora Bora und den umliegenden Inseln offiziell verboten. „Erst seit den 1970er Jahren ist das Tattoo bei uns wieder im Kommen“, berichtet Tuaiva Teina. „Am Anfang wollten sie uns noch erzählen, dass das nur die bad boys tragen. Aber wir wollten unsere Kultur zurück haben.“
Diese Kultur war mit aller Macht französisch geprägt worden, seit der „Entdecker“ Louis Antoine de Bougainville 1768 die Gesellschaftsinseln für Frankreich in Besitz genommen hatte. Auf eine Kolonialzeit folgten verschiedene Stufen der Autonomie. Aber noch heute firmiert in Französisch-Polynesien, 15.000 Kilometer von Paris entfernt, der französische Präsident als Staatsoberhaupt, die französische Regierung ist für Außen- und Innenpolitik sowie für Finanzen und Verteidigung der 280.000 Insel-Bewohner zuständig.
Das Tatau wurde zum Teil des Protests, als die polynesische Bevölkerung begann, gegen die französische Vorherrschaft und die rücksichtslosen Atomtests auf dem Mururoa-Atoll zu rebellieren. Die Alten wollten davon wenig wissen, aber die Jungen suchten einen Weg zurück zu den Wurzeln. Dass es dabei auch zu Irrungen kam, zeigt die erste Tätowierung, die Tuaiva Teina sich in jungen Jahren auf den Rücken stechen ließ. Sein Zweitname steht darauf, in großen Buchstaben, in verschnörkelter Schrift. „Das war ein Fehler“, sagt er heute. „Aber das wird noch korrigiert.“
So gründlich also war die Tradition ausradiert worden, dass sie in Polynesien beim Tätowieren auf die Fraktur verfielen. Doch bald schon kamen auch die ursprünglichen Ornamente wieder auf. „Dass die alten Motive nicht verloren gegangen sind, das haben wir diesem Deutschen zu verdanken“, sagt Tuaiva Teina. „Wir hatten Glück, dass er hier war.“ Er meint den Arzt und Ethnologen Karl von den Steinen, der von Mühlheim aus in die Welt aufgebrochen war. Nach einer Expedition zu den Marquesas-Inseln zum Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlichte er ein dreibändiges Werk über „Die Marquesaner und ihre Kunst“. Akribisch erfasste er darin die polynesischen Tatau-Motive und deren Bedeutung - und lieferte damit rund 100 Jahre später die Vorlagen für die Wiedergeburt des Tataus.
Genutzt wird das alte Werk heute wieder von Tattoo-Künstlern in ganz Französisch-Polynesien. Der bekannteste von ihnen lebt auf Bora Bora und heißt Marama. Er hat ein unscheinbares Studio mit unschlagbarem Blick aufs Meer. „Unnamed road“ lautet die Adresse im Internet. Leicht soll ihn wohl keiner finden - aber niemand anderen würde Tuaiva Teina noch an seine Haut lassen.
Marama hat das Gesamtkunstwerk erschaffen, das heute Tuaiva Teinas Oberkörper ziert. „Angefangen haben wir an der Schulter, erst links, dann rechts“, sagt er. Es folgten die Arme, komplett bis zu den Handgelenken, dann die Brust. „Das tat besonders weh“, bekennt er, „aber wir sind längst noch nicht fertig“. Am Rücken, bei den Runen, gibt es schließlich noch einiges zu tun. „Und ich weiß jetzt schon, welche Motive auf die Beine kommen“, sagt er, und es mischen sich dabei Spaß und Stolz.
Ein Tatau ist was fürs Leben, und so soll es ein Leben lang auch wachsen. „Wenn du einmal angefangen hast, hörst du nicht mehr auf“, verrät er. „Sei also vorsichtig.“ Vielleicht sollte das schon eine Warnung sein. Aus seinem Mund, in diesem Moment, aber klingt es eher nach Verlockung.
Sollte man also, ganz spontan, vielleicht auch mal zu Marama gehen? Nur was Kleines, was schön Geschwungenes? Am Oberarm vielleicht oder auf der Schulter? Es sieht ja toll aus, ohne Zweifel, da muss man ihn ja nur mal anschauen, wie er da steht am Steuerrad des Boots. Doch mitten hinein in diesen sanften Fluss der Gedanken sagt Tuaiva Teina: „Ich mag es nicht, wenn ein Europäer unsere Tattoos trägt. Es ist unsere Kultur.“ Und mit einem Lächeln fügt er noch hinzu: „Du kannst dir ja ein Herz tätowieren lassen oder einen Anker.“
Bora Bora, Mai 2026



Ein Anker, ein zerschossenes Herz? Ein Fortuna-Wappen wäre aus polynesischen Perspektive political correct? Oder hätte Campino was dagegen?