Neuseeland II: Das Beben und das Leben
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Cris Fulton vor der Kathedrale von Christchurch
Wenn er davon erzählt, dann gerät alles wieder ins Wanken. Der Oberkörper schwankt nach rechts, nach links. Er reißt die Arme hoch, zeigt, wie er sich festgehalten hat, als der Boden sich plötzlich wie Gummi anfühlte und alle Wände und Gewissheiten brüchig wurden. „Wie in einer Waschtrommel war das“, sagt Cris Fulton und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich habe gedacht, das Haus stürzt über mir zusammen und ich werde sterben.“
Cris Fulton ist nicht gestorben. Er hat es noch rechtzeitig raus geschafft auf die Straße, hat das Erdbeben von Christchurch überlebt, das am 22. Februar 2011 mittags um 12.51 Uhr die größte Stadt der neuseeländischen Südinsel innerhalb von 29 Sekunden in Schutt und Asche legte. 185 Tote hat es gegeben, 6000 Verletzte. 80 Prozent des Stadtzentrums wurden zerstört, manche Außenbezirke auf Dauer unbewohnbar. In Neuseeland, das vielen als Paradies auf Erden gilt, hatten sich die Tore zur Hölle geöffnet. Und wenn man Cris Fulton heute fragt, wie das Leben weiter gehen konnte nach diesem verheerenden Unglück, dann lächelt er freundlich und sagt: „Wir haben die Scherben zusammengekehrt und weitergemacht.“
Natürlich ist das nicht so einfach - nicht für die Stadt, die aus Trümmern wieder auferstehen muss, und nicht für Cris Fulton, der ein Trauma zu verarbeiten hat. „Erst neulich hatte ich wieder so einen Flashback“, sagt er. Aus heiterem Himmel, auf betonfestem Boden haben ihn die Bilder wieder eingeholt, hat ihm der Atem gestockt, hat ihn die Angst wieder erwischt.
„Wenn du in Neuseeland lebst, musst du wohl akzeptieren, dass es jederzeit so ein Beben geben kann“, sagt er. Die beiden Inseln, Nord und Süd, liegen am Pazifischen Feuerring, es brodelt und kocht im Innern der Erde und es reibt sich hier die Pazifische Platte an der Australischen. 15.000 bis 20.000 Erdbeben werden pro Jahr in Neuseeland gemessen. Nur rund 200 davon sind für Menschen spürbar. Doch am Ende reicht eins für die Katastrophe.
Allen Gefahren, Trümmern und Traumata zum Trotz aber ist die Geschichte von Christchurch und die von Cris Fulton eine, die von Hoffnung handelt, vom Neuanfang auf stets schwankendem Grund und von Musik, die gut und laut ist.
Cris Fulton ist Lehrer gewesen an einer Sprachschule in Christchurch. Er stammt aus Schottland, ist viel herumgekommen in der Welt, hat in Frankreich gelebt und später in Korea, Indonesien und Saudi-Arabien Englisch unterrichtet. 2001 hat er in Christchurch, wie er sagt, „den Anker ausgeworfen“. Hier lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern. Als die Erde bebte, war er bei der Arbeit, er stand am Kopierer. Danach war nichts mehr, wie es war.
„Die Stadt war zerstört und ich war arbeitslos“, sagt er. „Es wollte ja keiner mehr nach Christchurch kommen, um Englisch zu lernen.“ So hat er sich wieder auf seine alte Leidenschaft besonnen, auf die Musik, und er hat ein Lied geschrieben, tieftraurig und trotzig, das nach der Katastrophe zur Hymne wurde.
Jeden Tag kann man es in Christchurch hören, jede Stunde, denn Cris Fulton singt es in einem Film, der in „Quake City“, dem Erdbeben-Museum der Stadt, in Endlosschleife läuft. Gerichtet sind die Zeilen dieses Songs an die Todesopfer des Bebens: „Where have you gone beneath the dust of this city?“, heißt es in der ersten Zeile. „Your journies are over, but ours still remain.“ Um Trauer, um Liebe und um ein Wiedersehen geht es: „We`ll strive for perfektion ´til our souls meet again.“
„Ich wollte etwas Positives sagen, darüber, dass es weitergeht“, erklärt er. „Und 15 Jahre später sitzen wir beide hier in einem Café und sehen eine Stadt, die wieder zurückkommt.“
Streng genommen sieht man beim Blick aus der Fensterfront des Cafés erst einmal einen Bauzaun, der die zerstörte Kathedrale von Christchurch umfasst. Man sieht die Flicken auf dem Kirchendach und ein Stahlgerüst, das die wackligen Wände zusammenhält. Vom 60 Meter hohen Kirchturm sieht man nichts mehr, denn der ist komplett eingestürzt. Über die Restaurierung des neugotischen Kirchenbaus war lange gestritten worden, bis man schließlich beschloss, wenigstens dieses Wahrzeichen der Stadt zu retten.
Viele andere Prachtbauten aus viktorianischer Zeit aber sind verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Der damalige Bürgermeister Bob Parker hatte schnell die Katastrophe zur Chance erklärt: „Wir haben die Gelegenheit, etwas Einmaliges zu schaffen: Eine Stadt des 21. Jahrhunderts, grün und umweltverträglich.“ Christchurch, das einst als englischste Stadt außerhalb von England gegolten hatte, hat nun ein neues Gesicht. Es ist eine moderne Stadt mit breiten Fahrradwegen, mit frischem Grün in vielen Parks, und natürlich mit erdbebensichereren neuen Gebäuden.
An das zurückliegende Unglück erinnern heute ein marmorweißes „Nationales Mahnmal“ am Flussufer des Avon und dazu noch eine Menge Brachflächen sowie die Baukräne, die überall in den Himmel ragen. Nicht alles ist schön, was auf dem Reissbrett entworfen wurde. Zwischen Glas und Stahl und Beton mangelt es noch an Patina und Atmosphäre. Aber die Straßen sind voll, das Leben ist bunt. Knapp 400.000 Menschen leben heute in Christchurch, mehr sogar als vor dem Beben. Erschüttert, aber nicht gebrochen ist die Stadt.
Cris Fulton erzählt, dass er nach der Katastrophe daran dachte, Christchurch zu verlassen, den Anker wieder zu lichten. Aber das war nur ein kurzer Gedanke. Dann hat er erlebt, wie alle einander geholfen haben, als es keinen Strom gab und kein sauberes Wasser. Wie in den Trümmern Kunstprojekte aufblühten und eine Einkaufsstraße samt Kaffee- und Essbuden aus alten Schiffscontainern entstand. „Je länger ich hier lebe, desto mehr liebe ich diese Stadt“, sagt er. „Und seit dem Erdbeben mache ich wieder mehr Musik.“
Auf dem Tisch im Café liegen drei CDs, die er inzwischen als Sänger und Gitarrist mit seiner Band „Ruby Fusion“ herausgebracht hat. „Rock, Pop, Blues, auch Funk, das ist von allem was“, sagt er. „Broken City Promises“ heißt das letzte Album. Es geht um Christchurch, um gebrochene Versprechen der Politiker nach dem Beben. „Da ist auch einiges Schlechtes passiert“, sagt Cris Fulton. „Aber eigentlich denke ich lieber an das Gute, was herausgekommen ist. Die Leute sind viel enger zusammengerückt.“
Christchurch, April 2026



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