Neuseeland III: Reise rückwärts
- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

Terry, Jacque und Familie vor der Farm in Okaihau 1981.
Treffpunkt ist die Mangawhai Tavern, ein Pub auf halber Strecke zwischen Auckland und seinem Wohnort im Norden. Auf die Frage, wie wir uns wohl erkennen können, hatte er nach einer kurzen Pause gesagt: „Well, ich werde kein rosafarbenes Hemd tragen.“ In dem Moment habe ich ihn wiedererkannt, habe ihn lächeln sehen durchs Telefon, nach 45 Jahren.
Zum Treffen im Pub trägt Terry ein kariertes Hemd, wie immer, und eine kurze Hose, was sonst. Er hat seine Tochter Emma mitgebracht und deren Mann James. Natürlich bin ich sofort auf Terrys Tisch zugesteuert, und das nicht nur, weil sonst nicht viel los war im Gastraum am Nachmittag. Tiefe Falten und ein grauer Bart kommen nicht an gegen die Augen und die Aura.
Zu gut haben wir uns kennengelernt in kurzer Zeit. Zu präsent ist er mir geblieben in all den Jahren. Am Anfang löst jetzt manches nur ein fernes Echo aus, doch die Vertrautheit findet sich schon wieder. Es ist alles lange her, aber auch der Ort ist nicht so weit weg von da, wo unsere Verbindung begonnen hat. Terry war damals 25, hatte eine Farm, hatte vier Kinder, hatte viel zu tun im Leben. Ich war 20, hatte nicht so viel zu tun nach dem Abitur, und war mit meinem Freund Achim nach Neuseeland geflogen.
Durch einen Zufall, der sich ein Leben lang wie Fügung angefühlt hat, sind wir auf der Farm von Terry und seiner Frau Jacque gelandet. Es gab dort viel Arbeit, viel zu essen und ab und zu auch was zu rauchen. Gute Musik, James Taylor vor allem, und gute Gespräche. Als Achim nach Hause flog, bin ich dort geblieben. Sie haben mich Pidder gerufen, weil Achim mich so nannte. Sie haben mir Geborgenheit gegeben, als ich schlimmes Heimweh hatte. Insgesamt drei Monate habe ich bei Jacque und Terry gelebt. Auf ihrer Farm habe ich gelernt, wie man Kühe und Ziegen melkt und nebenbei noch einiges darüber, worauf es im Leben ankommt.
Eine Reise nach Neuseeland ist also für mich nicht nur eine Reise ans andere Ende der Welt, sondern auch in die eigene Vergangenheit. Es geht um Erinnerung und Identität. Es ist eine Spurensuche nach besonderen Orten, nach wertvollen Menschen - und gleich beim ersten Anlauf hat sich dabei ein Abgrund aufgetan. Als ich nach Jacque und Terry im Internet suchte, fand ich nur eine Todesanzeige. Jacque war vor kurzem gestorben.
45 Jahre sind eine lange Zeit, manchmal zu lange. Beim Treffen mit Terry ist Jacque trotzdem immer dabei, auch wenn sich die beiden schon vor sehr langer Zeit getrennt hatten, auch wenn die Farm schon bald nach meinem Aufenthalt dort pleite gegangen war. Terry war da und half den Kindern, als Jacque am Ende Pflege brauchte, als sie selbstbestimmt ihr Leben mit einer Injektion beendete, als sie in einem buntbemalten Sarg beerdigt wurde, deren Zusammenbau in Emmas Wohnzimmer sie selbst noch überwacht hatte. Wir sind uns einig, dass sie dabei, wenn es ihr Zustand nicht verboten hätte, gewiss am liebsten ein Glas Wein in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand gehalten hätte.
Über Jacques Tod reden wir und über unser Leben. Terry erzählt von seiner Arbeit in einem Sägewerk, wo er mit 70 Jahren morgens immer noch als Erster ankommt, um die Maschinen anzuwerfen, und abends dann als letzter das Licht ausschaltet. „Timber“ sagt er, Schnittholz, und es klingt sehr liebevoll. Ich erzähle von 40 Journalistenjahren, von vielen Reisen und vielen Kriegen. Und am Ende fasst Terry alles in einem Terry-Satz zusammen: „Ich glaube, das Leben war gut zu uns beiden.“
Bei diesem Treffen am vorletzten Tag des fünfwöchigen Neuseeland-Aufenthalts rundet sich die Reise rückwärts, kommt wieder in der Gegenwart an, auch wenn zwei in die Jahre gekommene Männer hauptsächlich von früher reden. Im Alter gehen die Zeitreisen halt immer nur in die Vergangenheit. Hätte man mir mit 20, damals in Neuseeland, eine Zeitreise angeboten, hätte sie fraglos in die Zukunft geführt.
Jetzt aber hatte ich es nach der Ankunft in Auckland kaum erwarten können, nach Okaihau zurückzukehren. Dorthin, wo Jacque und Terry damals ihre Farm hatten, die für mich der Sehnsuchtsort geblieben war. Gleich hinter der Kirche, rechts von der Straße, steht das hölzerne Farmhaus noch da, als wäre kaum etwas passiert. Dieselben Bäume, dieselben Hügel. Aus Erinnerungsfetzen werden wieder Bilder und Filme. Der Blick auf die saftig-grünen Wiesen löst solche Glücksgefühle aus, dass ich den Schafen fast zugerufen hätte: Ich bin`s wieder.
Beim Gang durchs Dorf dann die Vergewisserung, dass fast alles noch da ist: der Lebensmittelladen, der Fish and Chips-Imbiss, die Postfächer an der Kreuzung. Staubig wie früher ist die Straße, schön staubig. Aus Pickups steigen kräftige Männer in Gummistiefeln, so wie sich das gehört. Neu ist nur, dass es in Okaihau jetzt auch Hafermilch gibt im Cappuccino. Und neu für mich ist, dass dies hier vielleicht doch nicht der Garten Eden ist.
Beides, die Hafermilch und die späte Erkenntnis, wird aufgetischt bei „Kiwi Kai“. So heißt ein Cafe mit himmelblauer Außenwand, in dem der Wirt an der Hauptstraße von Okaihau auf Kundschaft wartet. Seine Familie, so erzählt er, sei schon seit 160 Jahren hier im Ort ansässig. Er selbst war 48 Jahre lang durch die Welt getingelt. Dann kam er zurück, um dem Dorf wieder ein bisschen Leben einzuhauchen, wie er sagt. Im Angebot hat er süße Torten, salzige Pies - und ein paar gepfefferte Klagen über den Niedergang seines Heimatlands. „Früher hatten wir 70 Millionen Schafe, jetzt nur noch 23 Millionen“, sagt er. Und mit den Schafen seien auch die Jobs verschwunden. „Die jungen Leute gehen weg, meist nach Australien. Oder sie leben von der Sozialhilfe.“
So bricht das erste Mal die Wirklichkeit ein in die gut gehegten Träume. Es fühlt sich an, als wäre auf meiner geliebten James-Taylor-Platte plötzlich ein Kratzer. Schließlich ist Neuseeland seit dieser ersten, prägenden Reise mein gelobtes Land gewesen, mit den freundlichsten Menschen, mit der tollsten Natur, mit dem grünsten Grün. In allen Krisen war dieses Traumland mein Plan B, ein Zufluchtsort, falls alles schiefgeht. Doch mit der Wiederkehr leben nun nicht nur die alten Erinnerungen auf. Es trifft auch Romantik auf Realität.
Tatsächlich sind die Menschen in Neuseeland immer noch freundlich, die Natur ist immer noch umwerfend schön und die Farnbäume wachsen weiter in den Himmel. Ankerplätze finden sich genügend für die Erinnerung. Aber warum werden im Abel-Tasman-Nationalpark, den ich damals fünf Tage lang in absoluter Einsamkeit durchwandert habe, plötzlich überall die Touristen mit knatternden Booten abgesetzt? Warum hat Auckland jetzt eine Skyline, ist aber immer noch todlangweilig? Und überhaupt: Wer hat sich mehr verändert in dieser langen Zeit - das Land oder ich?
Zum Glück ist das egal, es ist kein Wettlauf, Veränderungen sind normal. Und zum Glück ist Terry ja noch da, so faltig und vergnügt, hellwach und herzenswarm. „Vielleicht sehen wir uns ja noch mal wieder“, sage ich zum Abschied, weil man ja irgendwas noch sagen muss. Terry macht eine kurze Pause, dann lächelt er und sagt: „Well, ich denke, das war jetzt unsere Zeit.“ Er hat wohl recht. Was wollen wir mehr, als dass wir uns erkennen nach 45 Jahren?
Auckland, April 2026



Kommentare