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Costa Rica: Grüner wird's nicht

  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Barbara Hartung im Tortuguero-Nationalpark.


Das erste Licht bricht sich auf dem trägen Fluss, still fließt das Wasser, doch im Wald ringsum ist das Leben längst erwacht. Vögel singen, Vögel krächzen, und wenn es raschelt oben in den Baumkronen, dann hat vielleicht ein Faultier gerade ganz gemächlich seine Position verändert. Wer mit dem Boot im Morgengrauen durch diese Komposition aus Tropenwald und Tropengewässer gleitet, der darf sich an einem Ort perfekter Harmonie wähnen. Solange jedenfalls, wie es dem Brüllaffen gefällt. Wenn der dann ansetzt zu seinem Ruf mit 140 Dezibel, ist es vorbei mit der Ruhe, vorbei mit dem Idyll.


Dass die Natur von grandioser Größe ist, aber nicht zum projizierten Wunschbild taugt oder auf Knopfdruck Glücksgefühle erzeugt, dies will Barbara Hartung bei ihren Touren durch den Tortuguero-Nationalpark im Nordosten Costa Ricas zeigen. „Tierfreundlich“ soll der Tourismus sein, fordert sie. „Wohlwollen und Respekt“ sollen die Besucher dem Lebensraum der Wildtiere entgegenbringen, die es hier in herausragender Vielfalt gibt: Affen und Faultiere, Kaimane und Krokodile, Tukane und Papageien, dazu den leuchtend roten Pfeilgiftfrosch und als König des Urwalds natürlich noch den Jaguar. Am angrenzenden Strand legen obendrein noch Meeresschildkröten ihre Eier ab. Kein Wunder also, dass die Besucher in immer größerer Zahl in den Nationalpark strömen - und dass Barbara Hartung mit aller Kraft dagegen ankämpft, dass dadurch am Ende das zerstört wird, was alle suchen.


Seit 30 Jahren schon lebt die deutsche Biologin in Tortuguero. „Wasser und Wald, das sind meine Elemente“, sagt sie. „Wer weiß, wo meine Seele früher mal unterwegs war.“ Im hiesigen Regenwald, durchzogen von einem Labyrinth aus Wasserwegen, war es also nicht schwer für sie, sich zu Hause zu fühlen, auch wenn das Leben am Anfang alles andere als komfortabel war. „Als ich kam, lebten hier 300 Leute, es gab kein fließendes Wasser und kein Telefon“, erzählt sie. Ihre Eltern in Donaueschingen mussten sich ein Faxgerät kaufen, um Nachrichten von der Tochter zu empfangen. Nicht einfach also, aber sie hat sich gedacht: „Ich kann es ja mal ausprobieren.“


Als Biologin steht sie in Tortuguero überdies in bester Tradition. Zwar waren die ersten Bewohner noch als Schildkrötenjäger unterwegs. Daher rührt auch der Ortsname, der sich von „Tortuga“, spanisch für Schildkröte, ableitet. Doch schon in den Fünfzigerjahren kam der US-amerikanische  Biologe Archie Carr hierher und gründete das erste Meeresschildkröten-Zentrum weltweit. Zusammen mit örtlichen Familien kämpfte er für ein Schutzgebiet und hatte schließlich Erfolg: 1975 wurde Tortuguero von der Regierung zum Nationalpark erklärt. „Das waren sehr weise Menschen damals“, sagt Barbara Hartung.


Costa Rica, das nicht viel größer ist als Niedersachsen, gilt in Lateinamerika als Vorbild in Sachen Naturschutz. Mehr als 25 Prozent der Landesfläche stehen unter Schutz, 30 Nationalparks wurden inzwischen ausgewiesen: von den Vulkangebieten im Zentrum  über die Regen- und Nebelwälder bis zu den Korallenriffen an der Karibikküste. Der Tourismus hat die Naturliebhaber zur Zielgruppe erkoren, mit wachsendem Erfolg - und damit auch wachsender Gefahr. „Man kann schon hinterfragen, wie viel Tourismus ein Land noch verträgt, das auf Naturschutz setzt“, sagt Barbara Hartung. „Denn wenn der Tourismus Vorrang hat, wird der Naturschutz teilweise mit Füßen getreten.“


Sie erlebt das ja im eigenen Dorf. Zwar liegt Tortuguero immer noch recht abgeschieden von der Welt, weil keine Straße hierher führt. Aber per Boot ist man in einer Stunde vom Hafen in La Pavona aus hier, mit dem Propellerflugzeug kann man direkt aus der Hauptstadt San José anreisen. Längst nicht alle Gäste buchen Touren wie die von Barbara Hartung, die auf Nachhaltigkeit setzt. Während sie ihre Gäste per Kanu oder Elektroboot durch die Kanäle führt, knattern andere längst schon mit dem Motorboot durch die Lagune. Das Dorf ist inzwischen auf 2500 Bewohner angewachsen, und fast alle leben ausschließlich vom Tourismus. „Wir sind komplett am Limit“, sagt sie, „der Boden wird verdichtet, das Trinkwasser ist versalzen.“


Der Besucher sieht zwar immer noch die heile Welt, genießt das grüne Dschungelparadies, erfreut sich an den Tieren. Als Biogin aber sieht sie die Bedrohung und den Schutzbedarf. Neben der Arbeit im Tourismus engagiert sie sich deshalb ehrenamtlich, arbeitet wieder in der Forschung und hat eine Ausbildung zur Tierassistentin gemacht, weil es keinen Tierarzt gibt im Dorf. „70 Prozent meiner Arbeit sind inzwischen unbezahlt“, sagt sie.


Ihr besonderes Augenmerk gilt derzeit den Raubkatzen. Sie ist Teil eines Forschungsprojekts mit dem Titel: „Der Jaguar und sein Habitat.“ Größtenteils auf eigene Kosten hat sie 20 Kameras aufgestellt im Wald von Tortuguero. Sie weiß jetzt, dass in dem von ihr betreuten Revier acht Tiere umherstreifen. Jedes einzelne erkennt sie am Muster des Fells. Jedes einzelne ist ihr ans Herz gewachsen - aber eines ganz besonders.


Aus der Tasche zieht sie nun ihr Handy.  Videos von den aufgestellten Kameras hat sie darauf gespeichert. Film ab also, eine Szene aus dem nächtlichen Regenwald: Auf Samtpfoten schreitet ein Jaguar durch sein Habitat. „Das ist Barbara“, sagt Barbara Hartung, und liefert nach kurzer Pause die Erklärung nach. Ehrenhalber nämlich wurde dieser weibliche Jaguar nach ihr benannt, und das erfüllt sie mit Stolz:  „Man hätte mich nicht besser wertschätzen können.“


Barbara, der Jaguar, streift allerdings des Nachts nicht nur durch den Wald, sondern bisweilen auch durchs Dorf. Dort vergreift sie sich dann an den Haustieren der Dorfbewohner, reißt mal einen Hund, mal eine Katze. Das ist halt ihre Natur. Zum Glück aber ist Barbara, die Biologin, dann da. Ein paar der Tiere hat sie schon wieder zusammengeflickt. Wahrscheinlich ist das ihre Natur.


Tortuguero, Mai 2026

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