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Philippinen: Surfin´ San Juan

Will Esperanza am Strand



Am Morgen eines endlich einmal wieder sonnigen Tags sitzt Will Esperanza

auf seinem blauen Brett am Strand, tropfnass noch und mit Blick aufs Meer. Der Tag hat sich gut angelassen: Mit zwei Kunden aus Lettland ist er schon früh hinaus gepaddelt und hat sie eingewiesen in die wunderbare Welt der Wellen. Nicht besonders hoch sind sie hier, aber dafür besonders lang. Da steht man oben und reitet sie fast bis zum Strand. Wenn man‘s kann - so wie Will Esperanza.


Surflehrer ist er in San Juan, das sich stolz die „Surf-Hauptstadt der Philippinen“ nennt. „Ich bin aufgewachsen an diesem Strand“, sagt er, und dass er nicht nur hier geboren wurde, sondern unbedingt hierher gehört an diese schöne, halbmondförmige Bucht, das merkt man schnell. „Das Wichtigste ist, dass wir unsere Natur genießen“, fügt er an, „dass wir genießen, was wir hier haben.“


Ein klassischer Beach Boy also? Sand an den Füßen und Salz auf der Haut? So wäre das wohl woanders - aber so ist es nicht hier, nicht auf den Philippinen. Die Kundschaft mag vom Flow schwärmen in San Juan. Sie mag  um den halben Globus reisen auf der Suche nach den besten Spots, nach der perfekten Welle. Will Esperanza aber war nie woanders als hier an seinem Strand, und das Surfen ist nicht sein Leben, sondern sein Lebensunterhalt.


Erst mit 19 hat er zum ersten Mal auf einem Brett gestanden. „Ich habe einen Job gebraucht“, sagt er sehr sachlich, „und klar, das ist ein Job, der auch noch Spaß macht.“ Mehr Spaß auf jeden Fall als der andere Job, den er auch noch hat: als Fahrer eines Tricycles, eines jener knatternden Mopeds mit Beiwagen, die auf den Philippinen Taxi-Dienste oder auch einen mittleren Schwertransport erledigen.


31 Jahre ist Will Esperanza inzwischen alt. Er hat ein jungenhaftes Lächeln und ist selbst schon Vater von zwei Söhnen. „Verheiratet bin ich noch nicht“, sagt er. „Mit meinen Jobs kann ich keine Familie ernähren.“ Und so sind die Wellen wohl auch eine ziemlich treffende Metapher für das Leben auf den Philippinen, wo es ein klares Oben und ein krasses Unten gibt. Wo ein paar Wenige die Wellen reiten und über den anderen die Wassermassen zusammenschlagen.


Zum Inselreich zählen mehr als 7000 einzelne Eilande und fast 120 Millionen Einwohner. Doch mindestens ein Viertel der Filipinos und Filipinas lebt unterhalb der Armutsgrenze. Jeder Zehnte kämpft täglich gegen den Hunger. Nirgends in Südostasien ist die Schere zwischen Arm und Reich so weit geöffnet, und niemand ist in Sicht, der daran etwas ändern könnte oder wollte.


Denn nicht nur die wirtschaftliche, auch die politische Macht liegt in den Händen einiger weniger Familien. Preisfrage also: Wie heißt der Präsident der Philippinen? Antwort: Ferdinand Marcos! Allerdings ist das heute nicht mehr jener Marcos, der einst das Land diktatorisch regierte und ausbeutete. Nicht mehr der Mann von Imelda mit dem Schuh-Tick also, sondern der Sohn. Den alten Marcos hatte das Volk 1986 ins US-Exil gejagt. Der neue Marcos mit dem Beinamen „Junior“ konnte trotzdem knapp vier Jahrzehnte später wieder als Hoffnungsträger antreten.


Und jetzt die Eine-Million-Dollar-Frage: Wie heißt der Vizepräsident? Antwort: Duterte! Genau genommen ist es eine Vizepräsidentin, es ist also nicht mehr jener Wüterich namens Rodrigo Duterte, der als Präsident bis 2022 einen brutalen Anti-Drogen-Krieg angezettelt hatte mit Tausenden, oftmals unschuldigen Todesopfern. Der alte Duterte sitzt inzwischen in einer Gefängniszelle in Den Haag, wo ihm der Internationale Strafgerichtshof Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last legt. Doch in der Heimat ist die Macht der Familie durch den Vize-Posten der Tochter Sara gesichert.


Die Zeitspanne fürs Vergessen und Vergeben ist offenkundig kurz auf den Philippinen, doch die Schatten der Vergangenheit sind trotzdem lang. Das gilt für die Ära Marcos und Duterte ebenso wie für die Kolonialgeschichte, die zwar mit der Unabhängigkeit von 1946 endete, aber das Land bis heute prägt - und das gleich doppelt. Denn erst kamen im 16. Jahrhundert die Spanier und brachten den Katholizismus. Als die Spanier nach 333 Jahren vertrieben waren, übernahmen 1898 die Amerikaner als Kolonialherren. Sie brachten Coca-Cola und was sie sonst noch unter Kultur verstehen.


Alles hat sich so vermischt auf den Philippinen, und die Widersprüchlichkeit ist zum auffälligsten Charakteristikum des Landes geworden: Da ist die christliche Enklave im Fernen Osten, konservativer oft noch als der Vatikan. Da sind die hochmodernen Städte, in denen Wellblechhütten zwischen Shoppingmalls und Starbucks wuchern. All das in einem Tropenparadies mit Palmenstränden und Korallenriffen, das in furchtbarer Regelmäßigkeit von Taifunen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen verwüstet wird.


Mittendrin dann Menschen wie Will Esperanza, der auf einem schwankenden Brett den Weg zum Überleben sucht - und dabei einen Namen trägt, der bei jeder Romanfigur als überladen gelten würde. Will wie der Wille auf Amerikanisch, Esperanza wie die Hoffnung auf Spanisch. Womöglich unbewusst, vielleicht aber auch gewollt hat ihn da jemand mit einem Auftrag ins Leben geschickt: Mach was draus! Trotz alledem!


Will Esperanza hat diesen Auftrag angenommen. Jeden Tag, bei jedem Job. Am Nachmittag, als die Sonne sinkt und die Wellen wieder höher werden, schnappt er sich sein Brett und geht nochmal raus aufs Meer. „Nur für mich“, ruft er im Vorbeilaufen, “nur zum Spaß.“ Er sprintet hinein ins Wasser, er paddelt hinaus in Richtung Sonnenuntergang. Die ersten Wellen lässt er lässig noch passieren, dann steht er plötzlich blitzschnell oben. Steht auf dem Brett, reitet die Welle. Reitet weit und weiter, und irgendwann hebt er die Arme hoch. Wie ein Jubel sieht das aus, wie ein Sieg.


San Juan, November 2025

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