top of page

Philippinen II: Bis zum letzten Hahnenschrei



„Am Samstag gibt es Hahnenkampf“, so wird im Dorf geraunt. „Oben im Norden, in Langub“, sagt einer. „Komm am besten um eins“, sagt ein anderer. Wie ein Geheimnis wird das gehandelt. Dabei ist der Hahnenkampf das lauteste, grellste und beliebteste Spektakel auf den Philippinen.


Samstagmittag also, pünktlich um eins. Der Wind treibt dunkle Wolken über Malapascua, eine nur zwei Kilometer lange Insel in der Visayas-See. Die Fahrt mit dem Moped geht durch dichten Wald und tiefe Pfützen bis hin zu einer versteckt auf einer Lichtung liegenden Arena. Sie misst ungefähr fünf mal sieben Meter. Umfasst ist sie von rohen Holzlatten und rostigem Wellblech - und sie liegt da wie leergefegt. Kein Mensch, kein Hahn.


„Heute ist hier nichts los“, sagt plötzlich eine Stimme. „Wir haben keine Genehmigung bekommen vom Bürgermeister.“ Ein einsamer Aufpasser ist hier noch auf  Posten, und wenn man mehr erfahren wolle, so lässt er wissen, dann könne man seinen Bruder befragen drüben bei den hingeduckten Häusern. „Er organisiert die Hahnenkämpfe hier auf der Insel“.


Malapascua ist an diesem Wochenende womöglich der ruhigste und traurigste Ort der Philippinen. Kein Hahnenkampf, kein Spaß - so wird das hier im Inselreich gesehen, zumindest von der Hälfte der Bevölkerung, der männlichen. Hahnenkämpfe, „Sabong“ auf Filipino, gelten als Nationalsport, und höchstens Ahnungslose könnten einwenden, dass sich dabei kein Mensch sportlich betätigt und dass es für die Hähne schlicht ein Kampf auf Leben und Tod ist, ein Gemetzel für gewöhnlich.


„Es ist ein großes Ding hier“, sagt Richard Gulfan, „und es ist unsere Kultur.“ Im rot-gelben Fußballtrikot mit Schiebermütze auf dem Kopf sitzt er im Hof seines Hostels, wo Menschen, Hähne, Hunde und Katzen in offenkundig friedlicher Koexistenz leben. Weil Richard Gulfan ein umtriebiger Mensch ist, verlässt er sich nicht nur auf die Einnahmen durch die Touristen, sondern managt nebenher auch noch für die Inselbewohner die Hahnenkampf-Arena im Wald. „Ich tue das, um die Leute glücklich zu machen“, sagt er mit einer Bestimmtheit, die keinen Raum für Zweifel lässt. Den Glücksabfall an diesem Wochenende erklärt er mit einem „Missverständnis“. Irgendwas sei schief gegangen bei der Zahlung der Konzession an die Behörden.


Schon seit 6000 Jahren, so heißt es auf den Philippinen, werde hier der Hahnenkampf gepflegt. Beweisen lässt sich das nicht, aber mit Stolz behaupten. Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Studien, in denen als Grund für die Domestizierung der Hühner nicht die Eier, sondern die Hahnenkämpfe gelten. Brot und Federspiele gab es bei den alten Griechen und den Römern. Die Engländer brachten die Cockfights nach Nordamerika. Aber wohl nirgends auf der Welt ist der blutige Wettbewerb so tief verwurzelt wie zwischen Manila und Mindanao. In den meisten Ländern ist der Hahnenkampf inzwischen ohnehin verboten, aus Gründen des Tierwohls. Auf den Philippinen dagegen ist er seit den Siebzigerjahren, seit der Marcos-Diktatur,  gesetzlich geschützt als Kulturgut und Teil der nationalen Identität. Zugleich ist es ein Lizenzgeschäft, an dem der Staat kräftig mitverdient.


Zu jeder Ortschaft jedenfalls gehört eine Kirche und eine Hahnenkampf-Arena. In Quezon City, im Großraum Manila, wird alljährlich der World Slasher Cup ausgetragen, beworben als die „Olympischen Spiele des Hahnenkampfs“. Dabei sein ist alles. Fünf Tage dauern die Wettkämpfe in der größten Mehrzweckhalle des Landes, in der sonst Konzerte stattfinden oder Basketballspiele. Anno 1976 stieg dort auch der legendäre „Thrilla in Manila“, jener weltweit verfolgte Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier. Als artverwandt zum Hahnenkampf können das wahrscheinlich wiederum nur Ahnungslose empfinden.


Ähnlich ist in jedem Fall der Ablauf: mit zwei Streithähnen in der Arena, mit viel Emotion, viel Dramatik und Blut. Auch beim Hahnenkampf gelten feste Regeln. Richard Gulfan fasst sie bündig zusammen: „Sie kämpfen, einer gewinnt und einer ist tot.“ Auf Seiten der Verlierer stehen dabei nicht nur die Hähne, die ihr Leben lassen - sondern oft genug auch Menschen, die viel Geld bis hin zu Haus und Hof verlieren. Denn die Hahnenkämpfe sind ein großes Wettgeschäft, bei dem allwöchentlich Millionen umgesetzt werden, nicht nur in philippinischen Pesos, auch in Dollar. Manche werden reich, viele werden arm, und einige waschen ihr Geld.


„Ich will ehrlich zu dir sein, Bruder“, sagt Richard Gulfan in vertraulichem Ton. „Die Hahnenkämpfe bringen auch eine Menge Ärger.“ Fast jeder Mann auf der Insel, so erklärt er, halte sich mindestens einen Hahn. „Wenn der Mann nach Hause kommt“, fährt er fort, „schaut er nicht als Erstes nach der Familie, sondern nach den Hähnen. Und ganz klar: Die Frauen werden eifersüchtig.“


Zudem gebe es oft Streit ums Geld, nicht nur der Wetten wegen. „Auch die Aufzucht kostet eine Menge“, sagt er. Zwei Jahre werden die Hähne gepäppelte bis zum Kampfeinsatz. Sie logieren in eigenen kleinen Hütten oder präsentieren auf Holzpfählen am Straßenrand selbstbewusst ihr Federkleid.


Richard Gulfan braucht also niemand mit dem Tierwohl zu kommen, schon gar nicht aus Ländern, in denen die Hähne eingezwängt in engen Ställen binnen zwei Monaten zur Schlachtreife gemästet werden. Hier dagegen, das stellt er klar, gehe es auch um Liebe. Nur meistens ohne Happy End. Für die Tiere gebe es nur das Beste, an Futter und an Medikamenten. Steroide für starke Muskeln. Schmerzlindernde Mittel, damit sie im Kampf länger durchhalten.


Zum Ende des Gesprächs gibt er noch einen Tipp mit auf den Weg: „Vielleicht findest du heute doch noch einen Kampf am Strand im Osten“, sagt er. „Aber pass auf, wenn die Polizei kommt.“


Den Ort des illegalen Kampfgeschehens erkennt man an den vielen Mopeds, die hier geparkt sind. Hinter eine Wegbiegung sind 30 bis 40 Menschen versammelt, im Alter von 6 bis 60, alle männlich natürlich. Sie stehen herum oder hocken auf dem Boden. Ein halbes Dutzend Hähne wird auf Händen getragen. Als Besucher wird man nicht freudig empfangen, aber auch nicht weggejagt. Es gibt Wichtigeres.


Viel Männlichkeit wird demonstriert: Schulterklopfen, Ausspucken, Kratzen am Sack. Gockel unter sich. Es liegt Spannung in der Luft, doch die Stimmung ist nicht aggressiv. Eher erwartungsvoll, vorfreudig. Die letzten Wetten werden angenommen, als die zum Kampf ausgewählten Hähne schon nervös in die Luft picken und das Gefieder aufplustern. Am linken Fuß tragen beide eine gebogene, messerscharfe Klinge.


Als es ernst wird, bilden die Männer einen Kreis. Die Arena ist nun der hart gestampfte Sand dazwischen. Die Hähne werden auf den Boden gesetzt, sie springen hoch, sie schlagen mit den Flügeln, sie gehen auf einander los. 30 Sekunden nur, dann ist der Kampf vorbei. Eines der Tiere liegt auf dem Rücken, liegt im Blut. Beim letzten Flattern der Flügeln drehen die Zuschauer schon ab. Geldbündel wechseln den Besitzer. Den toten Hahn nimmt der Sieger mit, fürs Abendessen.


Malapascua, November 2025




Kommentare


bottom of page