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Australien III: Sympathie für den Teufel

  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Freddy, der Tasmanische Teufel




Mit der haarigen Keule dieses Wallabys ist Freddy fix fertig. Die Ohren leuchten in Signalrot vor Erregung, das Maul reißt er so weit auf, dass man die spitzen Vorderzähne sieht und dahinter einen dunklen Schlund. Schnell ist das Fleisch verspeist, danach knackt er die Knochen und zermahlt sie ohne Mühe. Am Ende verschlingt er noch die Fellreste, bis wirklich nichts mehr übrig ist. Der Teufel hat sein Mahl beendet. Nun leckt er zufrieden seine Pfoten.


Freddy ist ein Tasmanischer Beutelteufel, ein dachsgroßes Tier mit schwarzem Fell und ein paar weißen Streifen. Für die Aboriginals ist das ein Purinina, in der Fachliteratur wird er als Sarcophilus harrisii geführt. Obwohl es ihn nur in Tasmanien gibt, ist er ein Tier von Weltruf. Das hat er ein paar Eigenschaften zu verdanken, die zugegebenermaßen auch unter Menschen zu finden sind, ihn aber im Tierreich deutlich hervorheben.


Der Beutelteufel nämlich gilt als ausgesprochen aggressiv, auch Artgenossen gegenüber, und dazu enorm verfressen. Die Natur hat ihn mit einem kräftigeren Kiefer sowie, gemessen an der Körpergröße, der stärksten Beißkraft aller Säugetiere ausgestattet. Wenn er aufgeregt ist, leuchten nicht nur die spitzen Ohren wie zwei Teufelshörner, sondern er verströmt auch einen unangenehmen, fauligen Körpergeruch. Obendrein lässt er ein ohrenbetäubendes Kreischen hören, ähnlich einer verrosteten Kettensäge. Aber Nathan House, der mit Jeans und kariertem Hemd vor Freddy steht,  stört all das wenig: „Ich finde, sie sind süß“, sagt er, „auf ihre eigene Art und Weise.“


Nathan House, das merkt man schnell, hat eine Mission: Er hegt Sympathie für den Teufel, und er will dessen mieses Image aufpolieren. Daran arbeitet er seit Jahren schon im „Tasman Devil Unzoo“ nahe der Inselhauptstadt Hobart. Der Unzoo will eine Art Anti-Zoo sein, in dem die Tiere nicht in engen Käfigen, sondern auf möglichst weiten, artgerechten Flächen leben. „Statt die Tiere zu den Menschen zu bringen, bringen wir die Menschen zu den Tieren“, erklärt er.


Freddy und die anderen Teufel, dazu noch ein paar Kängurus, Wallabys und bunte Vögel, kann man auf einem Spaziergang durch das verwilderte frühere Farmgelände beobachten. Eine Art Streichelzoo für Wildtiere also, doch fürs Gehege der Beutelteufel gibt die freundliche Dame am Eingang doch noch eine Warnung mit auf den Weg: „Streckt nicht Eure Hände da rein“, sagt sie, „sonst denken sie, das ist Lunch.“


Fürs Lunch allerdings ist Nathan House zuständig, der zur Mittagszeit mit einer Kühltasche loszieht. Für Freddy zieht er die Wallaby-Keule heraus, sicherheitshalber reicht er sie an einem Haken herein. „Beutelteufel können bei einer Mahlzeit fast die Hälfte ihres eigenen Körpergewichts fressen, und das in 30 Minuten“, sagt er und fügt an, er selbst habe das in diesem Jahr mal an Weihnachten versucht, vergeblich.


Grundsätzlich frisst der Beutelteufel alles, was er kriegen kann: von Kängurus über Schafe bis zu Reptilien und Fröschen. Meist ist er nachts aktiv, als gerissener Jäger allerdings ist er nicht bekannt. Dazu ist er zu klein, zu langsam, zu unbeweglich. Spezialisiert hat er sich daher aufs Aas, und das in jeder Größenordnung. Es gibt Berichte über Beutelteufel, die einmal einen an der Küste gestrandeten Wal komplett verputzten. In der Regel aber wird für ihn auf den Straßen Tasmaniens reichlich aufgetischt. Der Roadkill ist des Teufels Glück, schließlich findet sich alle paar hundert Meter hier ein überfahrenes Tier. Allerdings besteht dabei auch für ihn die Gefahr, mitten in der Mahlzeit unter die Räder zu kommen.


Ohnehin zählen die Tasmanischen Teufel zu den gefährdeten Tierarten. Auf dem australischen Festland, das im kleinen Tasmanien gern die Nordinsel genannt wird, sind sie seit ewigen Zeiten ausgestorben. In Tasmanien haben sie vor allem deshalb überlebt, weil es hier keine Dingos gibt - und der Mensch irgendwann ein Einsehen hatte. Denn bis in die Dreißigerjahre hinein waren die Teufel so intensiv gejagt worden, dass nicht mehr viele übrig blieben. 1941 dann wurden sie unter Schutz gestellt.


Dadurch hat sich die Population gut erholt. Mitte der Neunzigerjahre wurden wieder mehr als 50.000 Beutelteufel gezählt in Tasmanien. Aber dann tauchte ein neuer gefährlicher Feind auf, dessen Namen Nathan House mit merklichem Abscheu buchstabiert: DFTD - Devil Facial Tumor Desease. Das ist ein wuchernder Krebs im Gesicht, der durch Bisse - beim Kampf um Nahrung oder um die Gunst eines Weibchens - übertragen wird. „Das hat inzwischen 80 bis 90 Prozent der Population getötet“, sagt Nathan House.


An einem Impfstoff wird gearbeitet, aber zum Schutz tragen auch Einrichtungen wie der Un-Zoo bei. Hier werden die Tiere von der Krankheit abgeschirmt, werden gezüchtet und später ausgewildert. „Rettet den Teufel“ heißt die Devise.


Denn trotz all seiner bisweilen problematischen Eigenschaften haben die Tasmanier den Beutelteufel inzwischen als Teil der insularen Identität entdeckt. Er ist Symboltier der Nationalparks, auch das heimische Football-Team nennt sich stolz „The Devils“. In Andenkenläden gibt es den Teufel auf Tassen und T-Shirts. Es gibt ihn als Kuscheltier und in Kinderbuch-Geschichten - und für Feinschmecker mit tasmanischem Humor wird Schokolade angeboten mit dem Aufdruck „Tassie Devil Poo“.


Vielleicht ist es am Ende doch eher eine Geschäfts- als eine Liebesbeziehung zwischen Mensch und Teufel. Obendrein wird sie auf manche harte Probe gestellt. Als vor ein paar Jahren 28 der bedrohten Tiere auf Maria Island ausgesetzt wurden, fühlten sie sich dort so wohl, dass sie bald schon die dort beheimatete Kolonie von 6000 Zwergpinguinen ausgerottet hatten. Das ist nun einmal die Natur des Tasmanischen Teufels. Er ist der Beelzebub unter den Beuteltieren, ganz anders als das streng vegetarische Känguru oder der Koala, der ein Leben lang genügsam in einem Eukalyptusbaum hocken kann.


Der Beutelteufel braucht Fleisch und Knochen und Fell - und das schnell. Freddy zeigt sich nach der Fütterung zufrieden, jedenfalls leuchten die Ohren nicht mehr, und der Kiefer bleibt geschlossen. Müde zieht er sich in seinen Bau zurück, rollt sich ein auf dem ausgelegten Gras, hebt schläfrig höchstens mal die Lider. Ganz still, ganz friedlich und ganz flauschig liegt er da. So süß können die Beutelteufel sein - wenn sie satt sind.


Hobart, März 2026

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