Australien II: Man spricht Deutsh
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Heidi und Herman beim Musizieren in Hahndorf
Am besten schmeckt die Haxe mit Musik. Für den Wirt von Hahndorf ist das die goldene Regel, und deshalb serviert er zur deutschen Küche auch deutsche Kultur. Wie an jedem Wochenende sind auch heute wieder „Heidi & Herman“ für den Sauerkraut-Sound zuständig. Während die Gäste an den Knochen schaben, spielen sie die Hits der alpenländischen Volksmusik. Herman am Akkordeon, Heidi an den Almglocken und am Bariton-Horn. Er in Lederhosen, sie im Dirndl. „Good job“, sagt einer im Vorbeigehen.
Hahndorf ist ein deutsches Dorf im südlichen Australien. Rund 16.000 Kilometer jenseits von Oberammergau wird hier in den Adelaide Hills das teutonische Erbe gepflegt und vermarktet. In den fast 200 Jahre alten Steinhäuschen an der Hauptstraße residiert zentral der „German Arms“-Pub, vor dem Heidi und Herman musizieren. Daneben liegt das „Hahndorfer Brezelhaus“, in dem das Laugengebäck mit Schokolade überzogen wird. Die Touristen aus Fernost essen es gern mit Messer und Gabel. Und hinten am Ortsausgang lockt noch die „German Pantry“, die deutsche Speisekammer, mit wehenden Fahnen und einem schwarz-rot-golden Treppenabsatz. Sehr deutsch sind hier nicht nur die Mettwürste, sondern auch die Verbotsschilder, die überall aufgestellt wurden: nicht fotografieren, nicht anfassen, nur kaufen und verschwinden.
Zwischen Charme und schamlos verläuft ein schmaler Grat in diesem deutschen Disneyland. Doch hinter der kommerzialisierten Kulisse scheinen auch heute noch die knorrigen Wurzeln dieser Ortschaft auf. Bald schon nach den Briten kamen die ersten deutschen Einwanderer ins Land, und die Allerersten siedelten sich 1839 in Hahndorf an.
„Gegründet von 54 lutherischen Familien aus Preußen“, heißt es auf einer Steintafel im kleinen Park hinter der Hauptstraße. „Sie kamen auf der Suche nach religiöser Freiheit.“ Eine Bronzebüste zeigt den Mann, nach dem die Ortschaft aus lauter Dankbarkeit benannt wurde: Kapitän Dirk Hahn aus Sylt. Er hatte die Auswanderer auf dem Dreimaster „Zebra“ sicher durch die Weltmeere navigiert.
Sie suchten die Freiheit und mussten erst mal das Buschland roden. Nach den Religionsflüchtlingen kamen dann die politisch Verfolgten der 1848er Revolution und bald darauf im Goldrausch die deutschen Glücksritter ins Land. Die meisten von ihnen wurden rund um Adelaide sesshaft. Sie brachten den Weinbau nach Australien, sie gründeten Schützen- und Gesangsvereine - und schließlich auch die ersten Ortsgruppen der NSDAP.
Zwei Weltkriege haben das Ansehen der Deutschen auch in Australien kräftig ramponiert. In den Kriegszeiten galten sie als „innere Feinde“. Tausende wurden interniert, viele änderten ihren Namen. Auch Hahndorf hieß zwischenzeitlich Ambleside. Alles Deutsche war verpönt. Erst 1952 hat sich Australien wieder für deutsche Einwanderer geöffnet.
Auch Herman und Heidi, die Musiker vor dem Pub, sind Australier mit eher frischen Wurzeln. Seine Eltern kamen in den Fünfzigerjahren, da war er noch nicht geboren. Sie war 13 Jahre alt, als die Familie in den Achtzigern von Wuppertal nach Adelaide umzog. Aus australischer Sicht zählt gewiss auch das Bergische Land zu den Alpen. Tracht und Musik dürfen also als absolut original gelten.
Seit zehn Jahren treten die beiden als Volksmusik-Duo auf, aus Leidenschaft und mit Könnerschaft. „Die Musik ist das, was wir wirklich lieben“, sagt sie. „Vorher haben wir unser Leben lang als Steuerberater gearbeitet.“ In diesem bürgerlichen Leben hießen sie auch noch nicht Heidi und Herman, sondern Yvonne und Paul, mit Nachnamen Smith - oder, wie es Paul-Hermans Mutter sagte: Schmiss.
Diese Mutter hatte auch viel Wert darauf gelegt, dass der Sohn zumindest musikalisch im deutschen Kulturkreis bleibt. „Die Legosteine hatte sie immer hinter der Kiste mit dem Akkordeon versteckt“, erzählt er. Erst die Arbeit also, dann das Vergnügen, so klingt das deutsche Ethos als Echo in den Adelaide Hills nach. Zur Entspanntheit down under passt das nicht unbedingt, und jenseits ihrer Bühnen-Identität fühlt sich auch das Ehepaar Smith heute doch eher australisch eingemeindet. Bei den regelmäßigen Besuchen in Deutschland jedenfalls fällt ihnen auf, dass die Menschen dort „immer so stressig sind.“
Die eigenen Kinder, so erzählen sie, sind auch nur noch „ein bisschen deutsch“. Der Sohn hat es mal, dank fürsorglichem Druck, mit Schuhplatteln versucht. Wahrscheinlich aber ist Surfen in Adelaide doch naheliegender. „Die Deutschen mögen es, in der neuen Kultur zu verschwinden“, sagt Herman-Paul. „Das hat auch was mit der Geschichte zu tun“, ergänzt Heidi-Yvonne.
Die Volksmusik aber, am besten in Verbindung mit Bier, ist immer noch ein großer gemeinsamer Nenner zwischen Deutschen und Australiern. „Wir spielen alles, was man gern auf dem Oktoberfest hört“, sagt sie, als der Auftritt vor dem „German Arms“-Pub endet. Das Publikum dankt es dem Duo mit viel Applaus, und er sagt: „Ich brauch jetzt erstmal einen Schnaps.“
Adelaide, März 2026



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