Neuseeland: Hundertwasserspülung
- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Das Wahrzeichen von Kawakawa.
„It`s Handawassa“, sagt ein junger Kunstkenner und wischt sich die nassen Hände an der Hose ab. Für eine dringend notwendige Pause hat er sein Auto neben dem Highway No. 1 hoch oben in Neuseelands Norden geparkt - und ist mitten hineingestolpert in die größte Attraktion der Region, ein Werk von Weltruf. Denn in Kawakawa steht ein echter Hundertwasser, mit bunt gekachelten Säulen und Wänden, gekrönt von einer goldenen Kugel, mit schrägen Linien und natürlich mit begrüntem Dach.
Rechts ist der Eingang für die Damen, links für die Herren, und manch ein Besucher stürmt förmlich hinein in diesen farbenfrohen Tempel. In Kawakawa nämlich kommt die Kunst nicht nur von Können, sondern auch von Müssen. Der Künstler hat dem Ort eine öffentliche Bedürfnisanstalt hinterlassen, ein 100WC, mit Hundertwasserspülung.
Dass dieses Werk zu manchem Scherz einladen könnte, wird Hundertwasser gründlich wurscht gewesen sein, so wie das Allermeiste. Er war ein hippiesker Einzelgänger, folgte seinen Impulsen, lebte seine Träume. Ihm war es ernst mit seiner bunten, schillernden, heiteren Kunst, und was könnte ernster sein als die Befriedigung eines menschlichen Grundbedürfnisses. Mit Toiletten hat er sich deshalb genauso eingehend befasst wie mit der Architektur insgesamt und mit der Malerei.
Dieses Toilettenhäuschen in einem winzigen Straßendorf am Ende der Welt darf man also getrost als wichtigen Teil seines Werks betrachten, vielleicht sogar als sein Vermächtnis, denn es war „seine letzte Architekturarbeit vor seinem Tod“, wie es auf einer Hinweistafel heißt. Zufall ist auch die Ortswahl nicht, denn Hundertwasser war in Kawakawa zu Hause. Beim Bau im Jahre 1999 hat er tatkräftig selbst mit Hand angelegt.
Gewiss hat er in Wien, wo er 1928 als Friedrich Stowasser geboren worden war, weit Größeres hinterlassen. Dort wurde in der Löwengasse im 3. Bezirk eine ganze Wohnanlage nach seinen Vorstellungen gebaut, und am Donaukanal hat er ein dampfendes Kraftwerk zum Kunstwerk gemacht. Doch mit Wien verband ihn, wie er selber sagte, „eine Hass-Liebe“. Neuseeland war dann reine Liebe. Die letzten 25 Jahre seines Lebens hat er hier verbracht. Für ihn war es „das gelobte Land“. Hier liegt er auch begraben, nachdem ihn im Februar 2000 auf einem Kreuzfahrtschiff in Richtung Europa der Herztod ereilt hatte.
1973 war er zum ersten Mal nach Neuseeland gekommen, für die Eröffnung einer Ausstellung. Er blieb vier Monate, viel länger als geplant. Er kam bald wieder, auf dem Weg übers Meer, mit seinem Schiff namens „Regentag“. Und er kaufte sich im Kaurinui Valley bei Kawakawa ein riesiges Farmgelände, auf dem er verwirklichte, was er immer gesucht und propagiert hat: die Einheit von Leben, Kunst und Natur.
Auf dem 200 Hektar großen Grundstück pflanzte er mehr als 100.000 heimische Bäume und Sträucher, er gab das Land an die Natur zurück, es war für ihn ein Schaffensprozess wie das Malen eines Bildes. Als barfüßiger Eremit lebte er in seinem hügeligen Reich, ökologisch und weitgehend als Selbstversorger. Ein Bildband aus dem Jahr 1979 zeigt sein Leben in Ao Tea Roa, dem Land der großen weißen Wolke: Wie er mitten im Dschungelgrün in einer Freiluft-Badewanne liegt, wie er malend und träumend an einem Teich sitzt. Glück und Stille in Schwarzweiß.
Es war wohl Magie, die ihn mit diesem Land verband. Es wuchs zusammen, was zusammen gehört. Im Zentrum seiner Kunst hatte seit jeher die Spirale gestanden - als Symbol für den Kreislauf des Lebens, als Gegenentwurf zu den von ihm als „gottlos“ verdammten geraden Linien. In Neuseeland stieß er überall auf diese Spirale: in den Ornamenten der indigenen Maori, in den Muscheln am Strand oder auch in den eingerollten Wedeln der Farne, die auf seinem Grundstück als Bäume zehn Meter hoch und höher wucherten.
Die Farm war sein Kraftort, vielleicht auch, weil sich in Neuseeland niemand um in scherte. In Europa, aber auch in den USA oder Japan, war er längst ein bekannter und hoch dotierter Künstler. Er erbaute Häuser und Hospitäler, Kirchen und Fabriken. Seine Gemälde hängen weltweit in Museen, seine Drucke in ungezählten Wohnzimmern. Doch als er der neuseeländischen Hauptstadt Wellington den Entwurf für ein Gebäude schenken wollte, lehnt man dort dankend ab. Und auch um das Geld für ein Hundertwasser-Museum in Whangarei war jahrzehntelang gestritten worden.
Heute steht das Haus, erbaut nach ein paar alten Skizzen und sehr um seinen Stil bemüht, am Rande des Gewerbegebiets, direkt am Flussufer. Als es Anfang 2022 dank vieler privater Spenden endlich eröffnet wurde, waren Neuseelands Grenzen wegen der Corona-Pandemie noch immer geschlossen. Schlange stehen muss man auch heute nicht. „Neuseeländer geben nicht viel Geld aus für so etwas“, sagt die Dame am Kassenschalter, und sie sagt es auf Deutsch. Vor 30 Jahren kam sie aus Düsseldorf nach Neuseeland. „Deutsch kann ich hier jetzt den ganzen Tag sprechen“, verrät sie.
Immerhin also ist das Hundertwasser Art Centre eine Touristen-Attraktion, und lohnend ist die Ausstellung allemal. Sein letztes Bild hängt hier, unvollendet, er hatte es auf dem Kreuzfahrtschiff begonnen, dazu noch viele frühere Werke. Fotos zeigen ihn auf der Farm, Schriftstücke geben Einblick in sein Leben und Denken - bis hin zu den genauen Anweisungen für seine Beerdigung. „Ich freue mich darauf, selbst zu Humus zu werden“, hat er da geschrieben und bestimmt, dass man ihn nackt und ohne Sarg auf seinem Farmgelände begraben solle. So ist es geschehen, und seinem letzten Willen gemäß lebt er nun fort in einem auf dem Grab gepflanzten Tulpenbaum.
Natürlich lebt er als Künstler auch in seinem Werk fort, in den Kunsthallen der Welt und im Klo von Kawakawa. Dem ruhigen Dorf hat er ein stilles Örtchen geschenkt, und das weiß man hier zu schätzen. Die Besitzerin des Andenkenladen gegenüber hat sich inspirieren lassen, hat vor dem Eingang ein paar bunte Säulen angebracht und noch das Dach begrünt. Und auch vor der Imbissbude nebenan steht eine Sitzbank im Hundertwasser-Stil.
„Ein solides Stück“, sagt ein Einheimischer, als man sich dort neben ihn setzt, und als man umstandslos auf Hundertwasser zu sprechen kommt, erzählt er vom Großvater, der auf dessen Grundstück als eine Art Hausmeister gearbeitet hätte. Auch er selbst habe den Künstler noch kennengelernt. „Sehr scheu war er“, erinnert er sich.
Wenn man ihn dann noch nach dem Weg zur Farm im Kaurinui Valley fragt, wird er jedoch schnell wortkarg. Ziemlich weit weg sei das, meint er, und schwer zu finden. Eine Schotterstraße, schlecht befahrbar. Dazu dann noch die Zäune und das gesicherte Tor. Dann steht er auf und geht. In Kawakawa sind sie Hundertwasser wohl die Ruhe schuldig, die er hier gefunden hat.
Kawakawa, März 2026



Kommentare