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Chile: Mein Pisco!

  • 12. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Pisco-Probe bei Don Pedro.



„Darf‘s schon mal ein kleiner Sour sein?“, fragt Pedro Espinoza mit fast unwiderstehlichem Lächeln. Die Uhr hat eben zwölf geschlagen - Mittagszeit für den Rest der Welt, Pisco-Zeit hier auf der Terrasse, mit Blick auf die Reben und auf die Fässer, in denen der Traubenschnaps heranreift. Alles, wirklich alles dreht sich an diesem Ort um den Pisco. Seit Generationen schon wird er bei Doña Josefa in der alten Pisquera  gebrannt. Und von hier aus wird er ins Land und in die Welt gebracht: der Pisco aus Pisco! Das Nationalgetränk der Chilenen! Exklusiv und einzigartig! Oder etwa nicht?


Nun ja, als Nationalgetränk war der Pisco auch schon in Peru angepriesen worden, in jedem Lokal zwischen Lima und Arequipa. Nun hört man in Chile dasselbe über das Gleiche, nur anders natürlich. Für Zweifel ist da nirgends Platz, schon gar nicht hier, wo der Ort vom P bis zum O den gleichen Namen trägt wie das Getränk. Wer Pisco trinkt, soll an Chile denken und an dieses Dorf am Ende des Valle del Elqui im Norden des Landes. Schon bei der Einfahrt ins Tal steht auf einem großen Schild am Straßenrand: „Willkommen am Ursprungsort des Pisco.“  Danach stehen zum Beweis fast hundert Kilometer weit die Reben Spalier, die für einen seltsamen Kontrast sorgen: Rechts und links ragen schroffe, kahle, braune Berge in den Himmel. Das enge Tal dazwischen wird von den Blättern des Weins in saftiges Grün oder herbstliches Gold getaucht. Auch nüchtern betrachtet ist das sehr reizvoll.


Dass allein dies das Pisco-Paradies ist, steht auch für Pedro Espinoza fest. Wenn Gäste kommen, wischt er den Staub vom blauen Arbeitsoverall und führt sie mit Freude durch Doña Josefas Destillerie. Unter dem Strohhut trägt er zumeist ein fröhliches Lächeln, und auch 48 lange Jahre in der Pisco-Produktion haben seiner Begeisterung fürs Produkt nichts anhaben können. Vor den großen Stahlbehältern im Hof bleibt er stehen, in denen die Trauben fermentiert werden. Zu den holzbefeuerten Öfen führt sein Weg, in denen der Wein zu hochprozentigem Schnaps gebrannt wird. Weiter geht es zu den Holzfässern, in denen der Pisco heranreift.


Und schließlich steht er an der Theke, mit vier Flaschen, aus denen er nun zur Pisco-Probe lädt: „40, 43, 45, 46“, zählt er. Das könnten die Lottozahlen sein, die Glück verheißen. Aber hier sind es die Prozentwerte des Alkohols. Don Pedro zeigt, wie man den edlen Tropfen schwenkt im Glas, wie man erst den Geruch aufnimmt und dann den Geschmack, wie man beim Trinken richtig einatmet und - „bis fünf zählen“ - wieder ausatmet, um das volle Aroma zu genießen. „Kein Feuer, ganz weich“, sagt er dann zufrieden, wenn alle Anweisungen befolgt sind. Er sagt es vier Mal, und gießt dazwischen nach.


Die Pisquera Doña Josefa zählt zu den kleinen Brennereien des Landes. Nur 6000 feine Flaschen werden hier pro Jahr produziert, mit Stolz auf die alte Handwerkskunst und die Familientradition. Andernorts wird in weit größerem Stil destilliert, mit internationalen Investoren und weltweiten Vertriebswegen. Schließlich fehlt der betörende Pisco Sour, der mit Zitronensaft, Eiweiß und Zucker gemixt wird, auf keiner internationalen Cocktailkarte. Der Pisco aus Chile dominiert den Weltmarkt, mit einer jährlichen Produktion von rund 36 Millionen Litern. Aus Peru kommt nur ungefähr ein Fünftel dieser Menge. Die Kräfteverhältnisse also sind klar - und dennoch hat sich der Streit um den Pisco tief eingebrannt zwischen den beiden Andenstaaten.


Entspannt ist das Verhältnis sowieso selten gewesen zwischen Chile und Peru. Tiefpunkt war der sogenannte Salpeterkrieg gegen Ende des 19. Jahrhunderts, bei dem um jenen Rohstoff gekämpft wurde, der damals für Dünger und für Schießpulver gebraucht wurde. Blutig war das, und Chile war der klare Sieger. Doch wer den Streit um den Pisco verstehen will, der muss noch tiefer hinabsteigen in die Geschichte, bis ins 17. Jahrhundert, bis in die Kolonialzeit.


Der Weinanbau florierte längst im Süden Perus und im Norden Chiles. Das Problem allerdings war, dass die Absatzmärkte weit entfernt lagen - und der Wein oft unterwegs schon umkippte und ungenießbar wurde. Das brachte die Bauern beiderseits der heutigen Grenze dazu, den Wein zu destillieren. Der so gewonnene Weinbrand wurde sehr schnell sehr beliebt, auch bei den spanischen Kolonialherren, die wie üblich alles Gute gleich in die Heimat bringen wollten.


Verschifft wurde der Andenschnaps dann von der peruanischen Hafenstadt Pisco aus, die rund 200 Kilometer südlich von Lima liegt. „De Pisco“ stand als Herkunftsbezeichnung auf den Behältern, und so ist es naheliegend, dass die Spanier dies zum Namen des neuen Getränks machten. Später nahmen sich die Peruaner den Champagner zum Vorbild und beharrten darauf, dass echter Pisco nur noch aus dem Gebiet um ihre Hafenstadt kommen dürfe. Und weil die Chilenen weder juristisch noch  politisch dagegen ankamen, schufen sie sich kurzerhand ihr eigenes Pisco. 1936 wurde jenes kleine Dorf am Ende des Tals, das bis dato La Union hieß, offiziell in Pisco Elqui umgetauft.


So ein doppelter Pisco jedoch ist für die Puristen auf beiden Seiten bis heute schwer genießbar. Pedro Espinoza verliert sogar das Lächeln im Gesicht, wenn man ihn auf die Konkurrenz aus Peru anspricht. „Pisco ist chilenisch“, sagt er dann mit staatsmännischer Miene. „Peru hat keinen Pisco, sondern Traubenbrand.“


So trennt die beiden Länder, was sie eigentlich verbindet: die Liebe zum Pisco. Austragen könnte man den Streit nun bis in alle Ewigkeit oder zumindest bis zur letzten Flasche. Doch zum Glück haben sich in Santiago schon ein paar Versöhner ans Werk gemacht. Sie haben „Chpe libre“ gegründet, die freie und unabhängige Pisco-Republik, die den Norden von Chile und den Süden von Peru umfasst.


Regiert wird sie von der schummrig-schönen Chpe-libre-Bar im Stadtteil Lastarria aus. Mehr als 100 Sorten Pisco stehen hier auf der Karte - pur getrunken, mit Cola oder am besten als Cocktail. Die sind immer cremig, immer kräftig und tragen als Emblem im aufgeschäumten Ei den fünfzackigen Stern der Republik. So kann man anstoßen mit dem Gobernador aus Chile und dem Gran Cruz aus Peru. Der peruanische Pisco mag etwas würziger schmecken, der chilenische milder. Doch schon beim nächsten Drink kann es umgekehrt sein, und irgendwann verschwimmen alle Grenzen. Ein Prosit also auf den Pisco und die Völkerfreundschaft.


Pisco Elqui, Juni 2026

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