Argentinien: Glaube, Liebe, Fußball
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Rocío Baez im Museum der Boca Juniors.
Die Kathedrale von La Boca strahlt in Blau und Gelb. Wuchtig thront sie im Zentrum des alten Arbeiterviertels von Buenos Aires, wirft ihre Farben auch auf die Fassaden ringsum, ragt heraus aus einem Gewirr von blau-gelben Häusern und Gassen. Wenn sich ihre Tore öffnen, strömen die Menschen zu Abertausenden hinein. Jede Messe dauert 90 Minuten, es wird inbrünstig gesungen, Stoßgebete werden gen Himmel gesandt, und mittendrin wird Fußball gespielt. Jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
Dass der Fußball in Argentinien mit religiöser Inbrunst verfolgt wird, weiß man auch im Rest der Welt spätestens seit dem Kult um Diego Maradona. Die Rückennummer 10 machte ihn zu D10S, dem Gott des grünen Rasens. Seine Anhänger gründeten einst die Iglesia Maradoniana, und dass bei seinem berühmtesten Tor während der Weltmeisterschaft 1986 die Hand Gottes im Spiel war, ist bis heute unbestritten oder zumindest nicht glaubwürdig widerlegt.
Selbstverständlich hat Maradona sein Fußballerleben genau hier begonnen, im blau-gelb gestrichenen Stadion von La Boca, beim Club Atlético Boca Juniors. Wer also erkunden will, was der Fußball in dieser Stadt und in diesem Land bedeutet, der fängt am besten hier an, wo ein Bildnis Maradonas auf jeder zweiten Hauswand prangt und auf den anderen nur deshalb nicht, weil da Lionel Messi zu sehen ist. Manchmal sind sie auch gemeinsam abgebildet, und beide halten sie dann diesen goldenen Pokal in der Hand, den wertvollsten der Welt, den WM-Pokal. Maradona gewann ihn mit der argentinischen Nationalmannschaft 1986, Messi 2022.
Nun, anno domini 2026, wird wieder eine Weltmeisterschaft gespielt, und Argentinien ist verlässlich im Fieber. Keine Kneipe ohne Leinwand, kein Geschäft ohne Wimpel, keine Werbefläche ohne Fußballhelden. „Natürlich glaube ich daran, dass wir auch jetzt wieder gewinnen“, sagt Rocío Baez. „Nach dem Endspiel werden wir alle zusammen am Obelisken feiern.“
Im gelben Trainingsanzug mit blauem Vereinswappen steht sie vor einer blau-gelben Wand. Seit vier Jahren schon arbeitet die 27-Jährige hier direkt neben dem Stadion im Museum von Boca Juniors, und dieser Arbeitsplatz dürfte für sie so etwas wie der Himmel auf Erden sein - inmitten all der glänzenden Trophäen, umringt von den Bildern der Fußballhelden und -götter. „Fußball hat bei uns viel mit Familie zu tun“, sagt sie. „Die Begeisterung für Boca wurde mir von den Großeltern gegeben.“
Ein solches Erbe verpflichtet, die Leidenschaft liegt in den Genen, auch wenn sie auf den ersten Blick wirklich wenig gemein hat mit dem klassischen Bild eines Fußballfanatikers. Leise spricht sie, freundlich und reflektiert. In ihrer Fußball-freien Zeit schreibt sie Gedichte und Kurzgeschichten. Ein Leben als Schriftstellerin, so erzählt sie, ist ihr Ziel. Doch auf der Frage, was bei all dem der Fußball bedeutet, gibt es auch für sie nur eine Antwort: „Ehrlich gesagt: alles.“
Sie fiebert mit den Boca Juniors, sie fiebert mit dem Nationalteam, und im großen Fußballherz von Rocío Baez ist sogar Platz für die Fans von River Plate. Dabei ist dieser Verein aus einem der reicheren Viertel von Buenos Aires der größte aller Gegner. Das Derby zwischen den beiden Clubs ist nicht einfach nur ein Clásico, es ist der „Superclásico“, der regelmäßig das Land in zwei Hälften teilt. Doch Rocío Baez zählt auch River-Fans zu ihren Freunden. „Wir machen schon ein bisschen Show darum, aber wir respektieren uns als Rivalen“, sagt sie. „Wir wissen schließlich, dass der Fußball für die anderen genauso wichtig ist wie für uns selbst.“
Wenn die Nationalelf spielt, stehen sowieso alle wie ein Mann, wie eine Frau hinter dem Team. Das Trikot mit den blau-weißen Streifen ist der größtmögliche gemeinsame Nenner dieses Landes. Wenn Messi trifft, liegen sich die Anhänger von Boca Juniors und River Plate genauso in den Armen wie alte Peronisten und Wähler des rechtspopulistischen Präsidenten Javier Milei.
Dass Fußball nicht nur Ersatzreligion ist, sondern auch genutzt wird, um manch anderes zu übertünchen in Argentiniens Gesellschaft, weiß auch Rocío Baez. „Es ist schwierig, darüber zu reden“, sagt sie, „aber man muss dazu nur auf den ersten WM-Sieg von 1978 schauen.“ Argentinien war Gastgeber dieser Weltmeisterschaft, und im Land herrschte eine Militärdiktatur unter dem General Jorge Videla. Tausende wurden von der Junta gefoltert und getötet. Der Freudentaumel über den Finalsieg ließ sich dann bestens instrumentalisieren zur Festigung der Macht.
Beim nächsten WM-Titel 1984 war das Land schon von der Diktatur befreit, und Maradona hatte den Briten beim Aufeinandertreffen im Viertelfinale gezeigt, dass Argentiniens Niederlage im Falkland-Krieg zwei Jahre zuvor längst nicht das letzte Wort gewesen ist. Es war das Spiel, in dem er endgültig von der Nummer 10, der Diez, zum Dios aufstieg. Alle späteren Abstürze und Eskapaden haben - Ecce Homo - den Mythos nur noch gefestigt. „Erst als er 2020 starb, habe ich wirklich gemerkt, wie groß er ist“, sagt Rocío Baez. „Da habe ich gesehen, wie meine Eltern geweint haben.“
Für Nachgeborene wie sie ist Maradona nun selbstredend unsterblich, aber ihr größter Held heißt trotzdem Messi. „Er gehört zu meiner Generation“, sagt Rocío Baez, „und ich habe so viel mit ihm gelitten.“ Es ist die Geschichte von der Leidenschaft, die Leiden schafft, und Messi mit der magischen Nummer 10 hat dafür reichlich Stoff geliefert. Denn erst im fünften Anlauf, bei seiner fünften WM, brachte er 2022 den Titel heim. „Das war, wie mit ihm zu leben und zu wachsen“, sagt Rocío Baez.
Jetzt, während der nächsten WM, vor dem hoffentlich nächsten Sieg von Messi & Co, denkt sie oft an die Nacht nach dem gewonnen Finale. Mehr als vier Millionen Menschen haben damals rund um den Obelisken im Zentrum der Hauptstadt gefeiert, und sie war mitten unter ihnen. „Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, habe ich gedacht, dass ich nun für immer so glücklich bin“, sagt sie. „Ich habe mich selbst im Spiegel fotografiert, damit ich nie vergesse, was das für ein Gefühl ist.“
Buenos Aires, Juli 2026



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