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Chile II: Spuren im Sand

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Aktualisiert: vor 3 Stunden

Die Ausgrabungsstätte Tulor in der Atacama-Wüste.


Hier also hat alles angefangen, hier hat die Wüste geblüht. Zwei Rundhütten aus Lehm stehen auf rissiger Erde, umringt von weiteren, freigelegten Fundamenten. In der Ferne ragt eine Kette schneebetupfter Vulkane auf. Die Weite dazwischen wird mit nichts gefüllt als Stille. Vor langer Zeit waren Menschen vom Volk der Likan Antai an diesem Ort sesshaft geworden. Tulor hieß ihr Dorf, das sie einst mit Leben füllten. Und Ana Maria Barón hat es fast 3000 Jahre später wieder zum Leben erweckt.


Die Hände sind dabei eins geworden mit der Erde, rissig und braun. Mit diesen Händen hat sie hier gegraben und Tulor wieder zurück in die Welt geholt. „Als ich 1980 zum ersten Mal hierher kam“, sagt sie, „da war alles mit Sand bedeckt.“ Sie hatte gerade ihr Archäologie-Studium beendet, hatte ihre Geburtsstadt Santiago hinter sich gelassen und war in den hohen Norden Chiles gezogen, nach San Pedro in die Atacama-Wüste, den trockensten Ort der Erde. „Seit mehr als 45 Jahren lebe ich nun schon hier“, sagt sie und kann es offenkundig selbst kaum glauben.


Damals war San Pedro nicht nur so trocken, sondern auch fast noch so ruhig wie der Rest der Wüste. Das hat sich gründliche geändert. Aus dem staubigen Dorf ist ein lebendiges Touristenzentrum geworden. Und ob sie es will oder nicht: Ana Maria Barón, die mit vielen Talenten und erstaunlicher Tatkraft ausgestattet ist, hat daran einen entscheidenden Anteil gehabt.


Dass im Wüstensand, zehn Kilometer von San Pedro entfernt, die Spuren einer alten Kultur zu finden sind, war seit den Fünfzigerjahren schon bekannt. Ein belgischer Jesuit namens Gustave Le Paige, der vor Ort einsam den Pfarrdienst verrichtete und sich nebenher der Archäologie verschrieben hatte, war neben vielen anderem auch auf die Überreste dieses Dorfs gestoßen. „Er sagte damals, Tulor sei eine Aufgabe für die Archäologen der Zukunft“, erzählt Ana Maria Barón. Sie machte es zu ihrer Aufgabe.


20 Jahre hat sie an diesem Ort gegraben, bei brütender Hitze, zusammen mit einem Team, das ständig wechselte. Sie haben die Fundamente der Häuser freigelegt, haben Keramikscherben ausgegrabenen und Werkzeuge. Haben herausgefunden, dass die zuvor als Nomaden herumziehenden Likan Antai das Dorf Tulor ungefähr 800 Jahre vor Christus gegründet und 1300 Jahre später aufgegeben hatten, als die Oase austrocknete. Dass sie Kartoffeln, Quinoa und Mais  angebaut sowie Lamas und Alpacas gezüchtet hatten für Fleisch und Wolle.


So hat sie das alte Leben der Likan Antai der Vergessenheit entrissen, so hat sie diesem Volk, das die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert Atacameños getauft und dann fast ausgerottet hatten, seinen Platz in der Geschichte dieser Wüste zurückgegeben. Die alte Kultur mit Sitten, Riten und Gebräuchen lässt sich heute bestens nachvollziehen in der mit einem kleinen Museum versehenen Ausgrabungsstätte, die Ana Maria Barons hingebungsvolle Arbeit widerspiegelt.


Doch sie hat Tulor nicht nur ausgegraben aus dem Wüstenboden. Sie hat es gleich noch ein zweites Mal entstehen lassen - als Hotel. „Hotel Tulor“, wie auch sonst, heißt die gehobene Herberge, die Ana Maria Barón nun schon seit rund 30 Jahren in San Pedro führt. Mit scheinbar nie versiegender Leidenschaft führt sie durchs Areal, dessen Zimmer den Hütten der Likan Antai nachempfunden sind: der gleiche runde Grundriss, die gleichen Lehmziegel, die gleichen hölzernen Stützen. „Die alten Tulor-Bewohner haben damals schon gewusst, dass dies die besten Materialien sind für die Atacama-Wüste“, sagt sie. „Sie isolieren gegen die Kälte der Nacht und die Hitze des Tages.“


Begrünt hat sie das Hotelgrundstück allein mit Pflanzen, die in dieser Gegend heimisch sind. In der Rezeption hängen Fotos, die bei den Ausgrabungen entstanden sind. In Glasvitrinen werden Teile ihrer Funde ausgestellt. „Hier habe ich alles zusammengebracht“, sagt sie - und man könnte es in dieser Fülle für ein erschöpfendes Lebenswerk halten.


Doch wenn Ana Maria Baron dann im Hof ihres Hotels ins Erzählen kommt, wenn sie in zwei kurzen Sätzen die Kontinente wechselt oder die Menschheitsepochen, dann wird schnell klar, dass noch viel mehr hineingepasst hat in ihre bislang 77 Lebensjahre - und dass Erstaunliches nur leisten kann, wer selbst das Staunen nie verlernt hat.


Kurz nur streift sie im Gespräch die Jugend, als sie Kapitänin der chilenischen Volleyball-Nationalmannschaft war, mit Spielauftritten von Mexiko bis nach Brasilien. Studiert hat sie nicht nur in Chile, sondern später auch in Paris. Gearbeitet nicht nur in der Atacama-Wüste, sondern auch in mehreren Ländern Afrikas. In den dunklen Jahren der Pinochet-Diktatur von 1973 bis 1990 vergrub sie sich ins Studium und grub danach in der Wüste. Doch als dann die Demokratie wiederhergestellt war, leistete auch sie ihren Beitrag. In ihrer Wahlheimat San Pedro de Atacama wurde sie zur Bürgermeisterin gewählt. Ein Foto aus jener Zeit in den Neunzigern hat sie auf dem Handy gespeichert. Da sitzt sie an einem vollen Schreibtisch, und zu tun gab es ja tatsächlich jede Menge. „Ich habe eine Gesundheitsstation aufgebaut, eine Schule und eine Bibliothek“, erzählt sie. „Sogar das Fernsehen haben wir damals hier eingeführt. Da kam die Welt nach San Pedro.“


Nach einer Amtszeit hatte sie zwar schon genug von der Politik. „Ich war froh, als es vorbei war und ich wieder Archäologin sein konnte“, sagt sie. Aber die Grundlagen fürs neue San Pedro hatte sie gelegt - nicht zuletzt mit einer Straße, die den Wüstenort mit der hundert Kilometer entfernten Stadt Calama verbindet. Über diese Route rollen heute die Busse mit Touristen an, die von San Pedro aus zu Fuß, auf Pferden, Rädern oder Allrad-Jeeps die Atacama erkunden wollen.


Dort in den Weiten der Wüste kann gewiss jeder immer noch die Ruhe finden. Doch im Ort kann der Rummel gewaltig sein, und Ana Maria Baron ringt mit den Geistern, die sie rief. Sie hat das erste Hotel am Ort gebaut, dazu die Straße und noch vieles mehr. „Aber es hat sich viel zu viel verändert in San Pedro“, findet sie. „Die Leute wollen nur noch Geld, Geld, Geld. Das ist für mich die Krankheit der Menschheit.“


Zum Glück hat sie für sich und ihre Gäste einen Rückzugsort geschaffen im neuen Tulor: in den Rundhütten aus Lehm, im Garten mit den Johannisbrotbäumen und den Chañar-Sträuchern. Gegen die Auswüchse der neuen Zeit mag sie machtlos sein. Aber die alten Zeiten hat sie gerettet.


San Pedro, Juni 2026

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